Reisen-Sri Lanka

Samstag, 27. November 2010

Urwaldbungalow

Urwaldbungalow

Grau gleisnert Mondlicht an den Palmdachwedeln.
Schwarzgrüne Lachen auf den Brettern der Veranda:
Geronnen´ Blut und was da Rotz und Kotze war.
Da schlängelt was! Wie komm ich nur hier her?

Dschungelwahn, der tausendstämmig droht,
Betäubt und dämpft des Flusses irres Tosen.
Als ob darunter Panik sich verschweige.
Wie kam ich her, wie komm ich weg von hier?

Was nicht mehr sich bewegen kann, verrottet.
Man hat´ s nicht weit zum nächsten Aasgestank.
Was kümmert´ s, ach, Kaldaunen des Kadavers
Dass sie sich nicht mehr riechen können?


(Einer Anregung von J. Slauerhoff dankbar folgend)


Was haften bleibt von dieser discordanten Träne Sri Lanka
und wovon man sich gerne in die Welt der selbstzugestandenen Anhaftungen illusionieren lässt, das sind auf der einen Seite der Extreme die Bilder einer sinnlos strotzenden Vitalität:

- Dieser unwirklich schöne, gewaltige Elefant (ein sogenannter „Tusker“) im Tempelbezirk von Kataragama, dessen gewölbte Stirnpartie lässig die eines Plato übertrifft.

- Diese ungebärdig ins Kraut schiessende Dschungelnatur, selbst noch als gebändigte Monstrosität im Botanischen Garten von Peradeniya.

- Wasserfälle, angesichts und angehörs derer sympathetisch, aber doch ein wenig lächerlich in ihrer Anmaßung, sich eure Blase meldet.

- Die Nutzung der selben Toilette – kurz vorm Blasenriß - im Resthouse von Negombo, auf der schon Queen Elisabeth II. sich Erleichterung verschaffte.

- Die sich überschlagenden Brecher, die den – man sagt wohl „traumhaft schönen“ - Kokospalmenstrand von Tangalle zerschmettern wollen.

- Der obszöne Gestank und das ihm kongeniale Gekreisch der Marktweiber auf den Fischmärkten.

- Das hinduistische Mythologem des den Kosmos in ernste Gefahr stürzenden Orgasmus´ Parvatis bei der Zeugung des Gottes Skanda durch Shiva.


Und auf der anderen Seite der Extreme das direkte Gegenteil davon:
Bilder der Gemachheit und Gestilltheit.

- Angefangen beim Mythensynkretismus eines Buddhismus, der mit der Assimilation und Eingemeindung von Hinduistischem in seinen Felsenhöhlentempeln offenbar überhaupt kein Problem hat.
Da gibt es beispielsweise Höllenszenen für das Große Fahrzeug der Volksfrömmigkeit, die den unseren in nichts nachstehen. Ausgerechnet an dem Ort, wo der Theravada - Buddhismus erstmals seine schriftliche Aufzeichnung im ersten Jahrhundert vor der Zeitenwende erfuhr, im Bezirk des Alu Vihare 3 km nördlich von Matale.
Dem entnehme ich: Ohne die duldende Lizenz einer Verbindung mit der trivialen Phantasie hätte es wohl kein Überleben der großen Religionen gegeben. Das leicht Fassliche des Papa-Mama-Kind-Bravseins sichert ja auch noch in nach - aufklärerischen Zeiten den Medienbonzen ihre Einkunftsquellen.

- Der liegende Granit-Buddha im Gal Vihara –Komplex der alten Königsstadt Polonnaruwa. Wo auch immer dieser ist, da möchte man wohl auch gerne hin.
- Die Projektion der Berg-Pyramide des Sri Pada auf das Nebelmeer bei Sonnenaufgang.
- Schwebende Schmetterlingswolken gleich neben einem Riesenbanyangebäume, Wohnung eines Baumgeistes namens Ruk Devi.
- Die Spiegelung dieser Riesenschirme von Regenbäumen im silbernen Morgenlicht eines Sees.

Ich liebe Extreme. Sie zerschlagen dir deine Gewissheiten.
Ich hasse Extreme. Sie beanspruchen dreist - und ohne jede Spur von umständlichem Beweis - die Wahrheiten des Existenziellen.

Sri Lanka ist ganz sicherlich nicht die Lösung für nichts, aber man vergisst darüber manchmal ganz einfach die Frage, worum es denn nun bei all dem gehe.

Freitag, 26. November 2010

Im Zeichenlosen

Der Sinn des Reisens besteht darin, unsere Phantasien durch die Wirklichkeit zu korrigieren.
Statt uns die Welt vorzustellen, wie sie sein könnte, sehen wir sie wie sie ist.
Samuel Johnson (1696 - 1772)


Am Weg durch den ehemaligen Todesstreifen, die Grenze zwischen dem von den Tamil Tigers kontrollierten Gebiet und dem unangefochten singhalesischen Staatsgebiet, ein kleiner Tabakbauer und seine Familie.

Bevor wir auf sein Haus stoßen entsetzt der Zustand der bereits aufgeschossenen Tabakpflanzen, die von den marodierenden Schneckenarmeen in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen wurden. Schlimmer zerfressen als meine Lungen. Meine Chancen stehen jedenfalls besser als die der fast kahlen Stengel mit ihrer perforierten Restbelaubung. Angefressen wir beide durch das Leben, mit dem wir verbandelt sind, und uns dennoch gegen unsere sichere Vernichtung auflehnen.

Mittägliche 40 Grad Celsius.

Unsere Schritte schlauchen uns, spülen die Mineralien aus uns raus, ausgewrungen welken wir der Farmerfamilie entgegen.

Hier gibt es kein Alibi mehr, für niemanden, dieses Zusammengeschmolzene sind wir, bist du. Jede Verwünschung, die uns zuhause so leicht von den Lippen geht, ist eine lächerliche Prätention von aparter Individualität mitten in niederdrückendster Armut und unvorstellbarer prügelnder Hitze.

Ja, sie sei - wie so viele andere - Gastarbeiterin in Saudi-Arabien gewesen, sagt die Bäuerin. 6 Jahre lang. Dann habe sie es bei den arbeitgebernden Scheichs nicht mehr ausgehalten. 14 Kinder habe sie zu hüten gehabt. Sieben Tage in der Woche. Und kein Wort Arabisch.
Wenn etwas daneben ging, bekam sie Hiebe mit dem Stock. Da hätte sie aber noch Glück gehabt. Andere seien noch ganz anders gequält und gefoltert worden.

Ich wollte, mein Kopfschmerz käme nicht ausgerechnet von so etwas Profanem wie meiner Nebenhöhlenentzündung, die ich mir auf der Elefantensafari im Nieselregen zugezogen habe.

Absolute seelische Flaute. Noch der vorsichtigste Vagabund ist nicht gefeit gegen jene Windstillen, wo das träge Flappen der Segel dich dem gleißenden Wahnsinn ausliefert, du seiest dennoch etwas anderes , als der dreckige Schaum, den die erfolgreicheren Imperien gleichmütig ans Land aller Meere spülen.

DIE SCHLIMMSTE NIEDERLAGE BEI ALLEM IST
ZU VERGESSEN UND VOR ALLEM,
WORAN WIR VERRECKT SIND. (Louis Ferdinand Céline)

Tamilen“dorf“

Auf dem Weg zu den Horton Plains, kurz unterhalb des Plateaus, steigen wir aus zu einem Streifzug durch die Teeplantagenzone, die unmittelbar entweder an ungerodeten Dschungel oder an savannenartige Eukalyptusbaumstreifen grenzt.

Fünf, sechs aus zusammengeklaubtem Material erstellte Hütten. Die Dächer bestehen aus verbeulten Wellblechteilen, die vom Gewicht schwerer Felsbrocken an Ort und Stelle gehalten werden.

Die Bewohner kennen außer dem freien Blick auf ihr Elend und über die endlosen Teeplantagen nichts.
Zum nächsten Bahnhof sind es zwei Stunden Fußmarsch.
Kein Wunder, dass die uns mit räudigen Hunden entgegeneilende, ungezogene Kinderschar- alle im schulpflichtigen Alter - hier am helllichten Vormittag herumhängt, anstatt etwas zu lernen, womit sie doch nichts anfangen oder beendigen könnten.

Von hier gibt es kein Entrinnen.
Hier wird man geboren, arbeitet für die Estates der Company, und hier stirbt man seiner Einäscherung entgegen.

Die Vorfahren dieser Tamilen waren von den englischen Kolonialherren mit gleisnerischen Versprechen hierher in ein Arbeitsverhältnis gelockt worden, dessen freies Aufgeben sich nur einem wild zum Hungertod Entschlossenen empfiehlt.
Die paar Rupien fürs Teepflücken – wenn der Plantageneigner saisonal mal wieder in die Hände klatscht - und für das Zurückschneiden der Teebäume, oder die Arbeit in der Teefabrik gehen regelmäßig für die Ernährung und die anderen Grundbedürfnisse drauf, die man in den Läden des Plantageneigners zu decken gezwungen ist. Trucksystem darf man das nicht nennen, weil die tugendsame Dame namens Definition das mal wieder in aller Keuschheit verbietet. Aber es läuft genau darauf hinaus.

Höre ich da wen ganz Gescheiten auf die berauschenden Möglichkeiten des Kreditsystems hinweisen? Also eines Systems, das die Ansprüche deines Eigners an dich noch höher und enger schraubt?

Von hier gibt es kein Entrinnen.
Hier wird man geboren, arbeitet für die Estates der Company, und hier stirbt man seiner Einäscherung an Ort und Stelle entgegen.

Das Kauen der Beteldroge gegen den Hunger, und um überhaupt die Eintönigkeit des Raufens aushalten zu können, führt zu entsetzlich schadhaften Gebissen. Nur gut, dass man den täglichen Reis mit Linsen und Curry auch durch bloße Verspeichelung und Zungendruck runter kriegt.

Tja, Sozialisten und Soul Sisters aller Länder,

LOVE AND PEACE,
gelle?

Mittwoch, 24. November 2010

Ich stelle fest,

dass ich eigentlich gar keine rechte Lust habe, von dieser Reise nach Sri Lanka zurückzukehren zu den Deutschländern.

Im Frankfurter Flughafen warteten wir - nach dem elend langen Rückflug, also dem erbrachten Beweis für die Existenz eines modernen Heroismus´ - eineinhalb Stunden auf unser Gepäck, weil es – aus Dubai kommend – einer speziellen Kontrolle bedurfte. Tenor der verständnisinnigen Kommentare: „Man stelle sich bloß mal vor, es käme tatsächlich was vor.“
Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht und einen weiteren Flug aus der Festung raus mitten ins Terroristengewimmel da draußen gebucht.

Warum sieht da eigentlich keiner die objektive Maßlosigkeit des Anspruchs an Territorium und Territorialisierte?

Ich war schon so weit, dass ich an einem kleinen Mythos von meinem Verschwinden im ceylonesischen Dschungel bastelte. Der letzte Eintrag dieses blogs hätte dann skizzenhaft etwa so ausgesehen:

AN DIE LESER DIESES BLOGS

Mein Mann ist nicht wiedergekommen.
Ich habe seit zwei Wochen kein Lebenszeichen mehr von ihm.
Hier der Wortlaut seiner beiden letzten mails:

Bandarawela
da bin ich endlich wieder. Bei feuchten 33 Grad an einem Computer schwitzend, der sich hinter dem 2 Meter breiten Geschaefts-Schlauch eines Friseurs befindet.

Den Anstieg auf den Adams Peak (1000 Hoehenmeter rauf und runter) haben wir seit gestern hinter uns. Aufbruch nachts um 2 Uhr mit Taschenlampe. Ist ein Pilgerheiligtum fuer die Hindus, die Buddhisten, Christen und Moslems. Jeder erzaehlt darueber eine andere Geschichte. Unsere geht so: der Adam soll sich hierher begeben haben nach dem Rausschmiss aus dem Paradies, weil das hier dem Paradies noch am naehesten komme.
Kann ich nicht bestaetigen. Das Klima allein hat mir natuerlich wieder die uebliche Erkaeltung eingebracht. Ist jetzt aber wieder im Abklingen. Habe ich mir vermutlich auf der Elefantensafari zugezogen.
Ansonsten hat es hier alles moegliche Exotische in einem Traum von allen möglichen Gruens. Das kommt allerdings schon auch von den tropischen Regenfaellen, die es manchmal ernsthaft aufs Ersaeufen abgesehen haben.

Die Wanderungen halten sich (bis auf die Adams Peak Besteigung) in angenehmen Grenzen. Die Durchfallattacken auch.
Die Blutegel aber nicht. Die sind irgendwie sauscharf auf mein Blut.

Also jetzt kann ich den Schweissgeruch dieser Bude wirklich nicht mehr aushalten. Melde mich wieder, wenn ich einen anderen Terminal gefunden habe.

Kataragama
der Name der Stadt ist identisch mit dem eines Kriegsgottes und des Hasses.
Der hatte in der letzten Zeit hier viel Zulauf gehabt, im Gegensatz zu einem gewissen Gott Saman, der fuer die friedlichen Regelungen zustaendig ist. Die Tamil Tigers und andere Freiheitsluesterne hatten den anderen das Leben schwer gemacht, weil die Regierung ihnen das Leben schwer machte. Tja, und das zieht gemeinhin viele Tote nach sich. Wer mehr niedermetzeln kann, bleibt als regierende Gewalt uebrig.

Jetzt ist alles friedlich zwischen den Singhalesen und Tamilen. Kein Wunder, im ehemaligen Todesstreifen alle paar hundert Meter ein Bunker und ein Militaerposten.
Grund fuer Auflehnung gibt es genug. Aussagekraeftiges Beispiel: Die tamilischen Tee-Pflueckerinnen kriegen 175 Rupien pro achtstuendigem Arbeitstag. Das ist etwas mehr als ein Euro pro Tag.
Das Bier, das man in den ueberteuerten Hotels am Abend kriegt, kostet mehr als zwei Tagesloehne einer Pflueckerin. (420 Rupien) Ich komme da nicht drueber weg und lasse da lieber das Bier weg. Ich kann nicht irgendeinem Arschloch von Hoteleigentümer, der irgendwo im Westen meinen Beitrag zu seinem Wohlleben verprasst, das Geld nachschmeissen. Sorry, kriege ich nicht hin.

Dieser Tage ist Colombo in sintflutartigen Regenfaellen abgesoffen. Der Praesident musste im Boot zum Parlament schippern. Also ueber den Wassergraben seiner Burg und die dort normalerweise kasernierten Krokodile hinweg, die als Anti-terroristicum installiert wurden.

Morgen Aufbruch zur Dschungelwanderung.
Immer noch besser als dieses Grauen...das GRAUEN...!“

Er fehlt mir jetzt schon.

Renate Klotz


Tja, und jetzt sitze ich doch wieder am Computer und mache so vor mich hin.
Aber so ganz werde ich doch nicht mehr zurückkommen.
Das hängt irgendwie zusammen mit der Wahrheit des Spruchs:
“ Mit jedem Tag meines Lebens wächst zwangsläufig die Anzahl derer, die mich mal am Arsch lecken können.“

Menschliche Reife beginnt eben dort, wo die Sorge um deine Person größer wird als die um die Sorgen anderer.

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