Reisen-Cornwall 2010

Montag, 4. Oktober 2010

Cornwall 20.- 30. September 2010

Montag, 20. September
Als der Teufel an den Tamar, den Grenzfluss zwischen England und Cornwall kam, blieb ihm nicht verborgen, dass da drüben unterschiedslos alles Mögliche zur Verarbeitung in Pasties und Pies herangenommen wird. Aus der nicht ganz unbegründeten Furcht heraus, man werde da auch vor dem Teufel nicht halt machen, kehrte er stracks auf seinem Pferdefuß um.
Und so kommt es, dass der Teufel nie nach Cornwall kam.

Ganz so, wie die Folklore das haben will, wird es wohl nicht gewesen sein, denn
neben Bergbau, Fischfang und Landwirtschaft war die Riffpiraterie ein berüchtigter Erwerbszweig der Küstenbewohner. Die Schiffe wurden durch falsch positionierte Leuchtfeuer irregeführt, strandeten an der rauhen Küste und die Wracks wurden fleißig geplündert. Das Sündenregister der kornischen Überlebenstechniken reichte vom Auflesen von willkürlich herbeigeführtem Strandgut bis hin zur unterlassenen Hilfeleistung in Seenot.

Nach den Römern, den Normannen, den mordbrennenden spanischen Piraten, den ganz gewöhnlichen Ausbeutern von Grubenarbeitern in den Zinnminen und den bombardierenden Deutschen fielen auch noch wir ein.
Inzwischen haben die Cornishmen aber dazugelernt und versuchten uns ihrerseits zu rupfen. Bei dem Touristenmagnet aus lauter großen Steinen (Stonehenge), die vor ca. 4500 Jahren von den damaligen Erwerbspflichtigen über 350 km herangekarrt wurden, verzichteten wir dankend.
Nach der heutigen Gesinnungslage war das übrigens damals keinesfalls so, dass die herrschende Elite die Mittel hatte, diese gewaltige infrastrukturelle-, logistische- und Arbeitsleistung gegen eine eventuelle Uninteressiertheit der dazu nötigen Leute durchzudrücken, sondern: der heute herumgeisternden Theorie über Herrschaft zufolge hatte sich seinerzeit ein Haufen Kelten hingestellt und gesagt: „Wir sind das Volk.“
Dies getan, beschloss es eine Anzahl großer Steine, die im Geviert aufzustellen wäre. Eine andere Interessengruppe wollte aber ein Oval hingestellt sehen. Man setzte sich friedlich unter kundiger Anleitung seiner Elite zusammen, diskutierte ein bisschen, und herauskam der bekannte Steinkreis.

Wir nisteten uns in einem Adlernest über Newlyn ein, mit Blick über die Bucht hinüber nach St. Michels Mount.

Dienstag, 21. September:
Lamorna Cove - Merry Maidens.
Wenn ich mich recht erinnere, war das der Küstenpfad, wo dem Christian und seinem gewaltigen Schritt sich ein Baum in Schädelhöhe querlegte. Als ich endlich begriff, was soeben geschehen sein musste, fand ich mich mit der linken Körperhälfte in genau dem Schlammloch liegend wieder, das ich soeben stürmisch zu queren trachtete. „Shit happens“ sagte die Schirmmütze und legte sich gleich mit dazu.
Die „Merry Maidens“ sind ein keltischer Steinkreis, der - einer ätiologischen Fabel zufolge – jene mit Recht zu Stein erstarrten Mädchen sind, die es gewagt hatten, am hochheiligen Sonntag zu tanzen.
Dazu wäre vielleicht doch anzumerken: die Vernunft hasst ihren Gegner, ist aber vernünftig genug, um bei ihm nachzufragen, wann sie denn sonst - bei der damaligen Arbeitszeitregelung -(Lebenszeit gleich Arbeitszeit) hätten tanzen sollen?

Mittwoch, 22. September:
Runde über Land´s End von Sennen Cove aus.
In Land´ s End stellen die einen von den Engländern beleidigt fest, dass ihr schönes England ganz plötzlich aufhört.
Die anderen, und das sind eben die wichtigen, auf die es ankommt, haben diesen westlichsten Punkt als Geldscheffelmaschine ausgebaut. Man kann dem dort in aller Öffentlichkeit agierenden Finanzkonsortium zuliebe ihre Mischung aus Disney- und Phantasialand versilbern helfen.

Spektakuläre Szenerie gleichwohl, wenn man dem Betrieb den Hintern zukehrt. Kehre dein Gesicht der Sonne zu, und die Schatten fallen hinter dich.

Danach Transfer nach Porthcurno und über das Freilufttheater „Minack“ den Küstenweg bis Porthgwarra.
Querbeet durchs Hinterland der Küste – vorsichtig an den Pfützen und Sumpfstellen vorbeinavigierend - zurück.

Donnerstag, 23. September:
Von Zennor nach St. Ives.

Abenteuerliche Wegführung wie bei allen diesen Küstenpfaden. Dieser „nice rainy day” hatte uns gründlich mit seiner Devise vertraut gemacht: “Wenn die Hose wieder trocken ist, kommt der nächste Schauer.“

Der Barbara Hepworth gewidmete Garten mit einigen ihrer Statuen in St. Ives: die Grundidee der Skulptorin scheint die Geborgenheit zu sein. Eine umfassende Kugeligkeit, die etwas ausgeglichen Spannungsgeladenes umfasst. Geradezu ein Gegenentwurf zu ihrem Zeitgenossen Henry Moor, wo die Figuren zumeist gemächlich in den Raum hinausfließen.

Freitag, 24. September:
Mên-an-Tol und Lanyan Quoit über Chun Qoit, Carn Downs, Nine Maidens, Ding-Dong Mine.

Der Chûn Quoit ist ein etwa 5500 Jahre alter Megalith/Dolmen aus der Jungsteinzeit und der am besten erhaltene Quoit in der Grafschaft Cornwall. Chûn leitet sich aus dem kornischen Chy-an-Woone ab, was Haus über den Niederungen bedeutet.

Der „Stein mit Loch“ und die anderen Überbleibsel der Kelten an einem Tag, der vitalisierend und stürmisch war wie der Roman Wuthering Hights von der Emily Brontë. Man glaubt, dort hinten Heathcliff über die Heide galoppieren zu sehen.

In einem Gedicht von Anne Treneer von 1948 ist die Stimmung dieses heidnischen Ambientes auf der gelb-pinken Ginster-Erika- Heide trefflich eingefangen:

“Oh mist sprites and bodies cold
Of greying stones, what have you told
The wailing winds, that still they cry
Your sorrows to the passer-by?”

“We who have lived and danced in the sun
Into the dark went one by one
As you shall when your day is done.”


Samstag, 25 September:
Die Zinnminen von St. Just

Erstes highlight: der Carn Kenidjack in der Heide.
Der Inbegriff der Schönheit ist die Stille.
Sie birgt sich im beredten Stein.

An der Küste ragen dann später dann und wann aus der Steilküstenlandschaft ausgemergelte Finger an Maschinenhäusern empor: die Schornsteine stillgelegter, weil unrentabler, alter Zinn- und Kupferminen. Das hieß seinerzeit nicht nur qualmende Schlote und stampfende Dampfmaschinen, sondern Schufterei, Krankheit, Tod.
Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kumpels betrug 47 Jahre – falls er die allzu häufigen Unfälle überlebte; und wenn er schließlich aus der Mine kam, um seine Tage in einem überfüllten Häuschen zu beenden, schwarzen Staub spuckend, abwechselnd Kartoffeln und Haferschleim auf dem Teller, dann war da niemand, der sich seiner angenommen hätte.“ Aus Daphne du Mauriers „Vanishing Cornwall.“
Vielleicht nicht so ganz uninteressant: die Armenspeise der Cornish Pasty, eine halbmondförmige Teigtasche (z. Bsp. mit Rindfleisch, Kartoffelstückchen, Zwiebeln und Rüben) hat ihre typische Form mit der krustigen Teigumrandung von dem fatalen gleichzeitigen Auftreten von Zinn und Arsen. Der Kumpel, der sich unter Tage nicht vor jeder Mahlzeit die Hände waschen konnte, vermied durch Wegwerfen des schmutzig gewordenen Teigrands seine Vergiftung.
Also keine falsche Romantisierung dieser zerstörten Landschaft, deren Vergiftung jetzt langsam von der Natur gnädig überwuchert wird. Übrigens ist das Gebiet Weltkulturerbe, woran man sehen kann, was als tradierenswerte Kultur den daran interessierten Machern gilt: Ausbeutung ist ein Wert an sich, also forever.

Wozu ich mal wieder eine meiner penetranten Hochnäsigkeiten abliefern will:
Kultur ist ein "FÜR ALLE". Die sonstigen Beziehungen unter den Leuten kommen samt und sonders über den Ausschluss zusammen.
Also folgen wir ruhig mal dem Kulturmuster: AUSBEUTUNG FÜR ALLE.
Ach, das geht nicht?
In dem Fall ist der Universalismus der Unesco-Kultur aber genau dort, wo die Sonne nie hinscheint.

Sonntag, 26. September: St. Michaels´s Way
Die Deutschen mögen ja das Wandern entdeckt haben, aber perfektioniert haben das die Engländer mit ihren Public Paths quer durch Mais- und Rübenfelder, über umgebrochene Felder und beherzt über Wiesen und Weiden, wenn es denn das Ziel, die anregend-aufregende Erschließung einer Landschaft, erfordert.
Alles an den intimen Schönheiten englischer Wanderungen an einem Tag: Sandbuchten, Marschlandschaft, überwachsene Pfade, von Hecken gesäumte Wiesen und die auf den Trockenmauern wachsenden Brombeeren. Wenn denn der Wind die Eier des Fuchsbandwurms ausgerechnet auf die von uns gepflückten Brombeeren getragen haben sollte, dann war halt der Fuchsbandwurm unser Schicksal.

Abends gaben Christian und eine muntere Schar noch jungfräulicher Rinder ein Schauspiel.
So abgeklärt alte Kühe sind, die gemütlich in ihren Gerippen hängen und philosophisch zum so und so vielten Male den selben Mist durchkauen, so erwartungsfroh und zum Spielen geneigt ist die kühische Jugend.
In breiter Front jagt so eine Stampede hinter mir her, und weil ich geschwindigkeitsmäßig doch keine echte Chance habe, wende ich mich, den Gegner konfrontierend, um zum letzten Gefechte. Das überrascht nun aber die schelmischen Jungfrauen doch, und sie drehen abrupt seitlich ab.
Aber der Leser hätte Christians wehende Anorackschöße mal sehen sollen, als ein Jungbulle an dieser Sorte Kurzweil Gefallen fand!
Und wie ich fliehender Christian ins leise Schleichen geriet, als ich des mächtig in seinem Fleische ruhenden Leitbullen ansichtig wurde. Geradezu lehrbuchmäßig, wie ich diese beängstigend viel Masse Muskeln in derzeitiger Noch-Ruhestellung weiträumig umging!

Montag, 27. September: Der Coastal path von Port Isaac nach Tintagel
Absolutes Highlight.
Daß dieser South West Coast Path auf die Patrouillenwege der Küstenwache zurückgeht, die den Schmugglern Ungelegenheiten bereiten sollten, leuchtet einem bei den zahlreichen Coves und ihren Höhlen (Zwischenlagerung der Waren) sofort ein.
Notorisch kurz gehalten von der Natur und der englischen Regierung, besserte man als rühriger Cornishman das geringe Einkommen auf, indem man Branntwein, Tabak und Tee am Fiskus vorbeischmuggelte. Wie verankert der Handel mit heißer Ware im Alltag war, kann man sich noch heute im TURKS HEAD zu Pensance an dem unterirdischen Geheimgang klar machen, der vom Hafen zur Falltür der Kneipe führt.
Übrigens hat Tintagel, die angebliche König-Artus-Burg, mit König Artus ungefähr so viel gemein, wie die Vermarktung des Mythos von der guten Gewalt und dem ihr assistierenden Geist (Merlin) mit den eher uneleganten Gemeinheiten der Feudalherrschaft, wo nicht nur die gern besungenen Frauen unter den Tisch geprügelt wurden.

Dienstag, 28.September: Lizard Point> Kynance Cove und Church Cove
Wer den Klippen des Lizard zu nahe kommt, ist auch heute noch verloren. Wie damals, 1619, als ein gewisser Sir John Killigrew den ersten Leuchtturm auf Lizard Point errichten ließ – gegen den heftigen Widerstand der einheimischen Bevölkerung, die um ihre regelmäßigen Einnahmen aus der Plünderung von Schiffswracks fürchtete. Auch des Sirs Ambitionen seien nicht der reinen Menschenliebe entsprungen, sagt man, vielmehr sollten die Schiffe nicht schon am Lizard, sondern erst später, bei Falmouth zerschellen, wo Killigrew die „wrecking rights“ besaß.“
Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 4. Februar 1995

Ansonsten kann man da am Lizard Point den grünen Serpentinstein in Form von Aschenbechern, Kerzenständern und anderem Inventar erwerben (Magnesium Eisen Silicat Hydroxid?), seit Königin Victoria ihre Liebe zu Stehrümchen aus jenem grünen Stein entdeckte.

Mittwoch, 29. September:
Kür

Nach dem verregneten gestrigen Tag die reine Lust an allem in der plein air: Trengwainton Garden, Mousehole.
Für mich nur bedingt Gruppentauglichen ein Tag ohne Wermutstropfen.

Alles in allem:
Diese spektakulären Steilküstenszenerien und das dort übliche knackige Auf und Ab haben mich davon überzeugt, dass ich im kommenden Jahr den Pembrokeshire - Küstenweg in Wales machen muss.

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