Reisen - Schweden

Dienstag, 8. September 2009

Schweden

vom 21. August – 6. September 2009.

Der Ertrag dieser Reise ist für ernsthafte Menschen vor oder hinter ihren Zeitungen vernachlässigbar: keine Tipps, wo man gut zu essen kriegt für sein Geld, und wo es sich schläft, dass es die zu Hause wurmen muss.
Auch mit den Sinnangeboten für die zweite Lebenshälfte sieht es hier eher karg aus. Hier steht aufgeschrieben, was mir bei späterem Nachlesen einen seligen Seufzer abpressen dürfte.

21. August
Auf der Nachtfahrt von Hamburg über Fehmarn –Rödby – Helsingör – Helsingborg (Vogelfluglinie) hinauf nach Mittelschweden kommen wir auch an Sälen, dem Startpunkt des jährlich seit 1922 stattfindenden Wasa-(Skilang)Laufs vorbei.
Der Legende nach haben ein Lars und ein Engelbrekt aus Mora 1521 dort den nach Norwegen flüchtenden Gustav Wasa eingeholt und mit den Worten „Wenn du unser Heerführer wirst, folgen dir Alt und Jung“ zum Aufstand gegen die Herrschaft des dänischen Tyrannen Kristian bewogen. Die daraus folgende blutige Schweinerei ist die übliche bei den modernen Staatsgründungen.

Ob sich das auch tatsächlich so abgespielt hat, ist eher unwahrscheinlich.
Denn es sollte misstrauisch machen, dass sich noch jede siegreiche Macht auf das Volk berufen hat, das nach ihr gerufen habe.

- So soll das Volk der Tschechen nach dem Pflüger Primislaus gerufen haben, womit es sich die Herrschaft der Przemisliden eingehandelt hat.
-
- Die Deutschen haben es mit Heinrich, dem Vogler, wenn sie die politische Herrschaft vom Willen der Beherrschten abhängig machen wollen.
-
»Wen sucht ihr, Herr'n? sagt an.«

Da schwenken sie die Fähnlein bunt
Und jauchzen: »Unsern Herrn! –
Hoch lebe Kaiser Heinrich! – Hoch
Des Sachsenlandes Stern!«

Dieß rufend, knie'n sie vor ihn hin
Und huldigen ihm still,
Und rufen, als er staunend fragt:
»S' ist deutschen Reiches Will'!

Auf der Grundlage dieser Ballade kann man auch vertreten, ein Deutscher sei einer, der so lange sucht bis er einen Herrn gefunden hat.

- Und die ganze Welt ist überhaupt nur ein einziger Ruf nach den Freunden aus den USA. Jedenfalls wenn man dem verlautbarten amerikanischen Selbstverständnis Glauben schenken will.

Daraus geht immerhin so viel hervor, dass es offenbar immer Leute gegeben haben muss, denen gar nicht einleuchten wollte, warum es ihnen so dreckig gehen muss. Da trifft es sich gut, dass es ein Ideologengezücht gibt, das ihnen einredet, das sei der Wille des Volkes.
Legitimation der Herrschaft aus dem Willen der Beherrschten zu ihr ist aber so glaubwürdig wie der Wille des Armen zur Armut.

Dass etwas so ist, wie es ist, liebe Humanisten, Weltweise und Pfaffen, ist weit entfernt von jedem Gedanken darüber! Der enthält nämlich außer der Empirie, dass das immer schon so oder ganz ähnlich war, auch den Grund dafür, statt einer tröstenden Begründung.


22. – 28. August: Wildnistour
Man paddelt im Kanadier über Seen und die sie verbindenden Wasserläufe , kentert bloß ein bisschen in Stromschnellen, aber dafür gleich mehrmals, radelt an den Beginn der Trekkingtour, und zieht fast drei Tage im sichtbegrenzenden Dauerregen über das mal matschige, mal steinige Fulufjäll.

Männer schlürfen nicht die Seen leer.
Männer heben den Kopf und trinken den Regen.

Was ich mir seither hinter die Ohren schreibe ist: Gott und die Wildnis haben eines gemeinsam. Sie kommen gut ohne uns aus.

Und dann „Back to the roofs!“ im Camp von Idre.

Ich lasse mir an der Essens- und Getränkeausgabe ein Verzehrkärtchen ausstellen:
Ich heiße Christian, und ich will ein Bier.“
Das heißt: ich möchte bitte ein Bier,“ korrigiert mich eine weibliche Stimme von schräg hinten links.
Ich muss wohl momentan einer gewissen Verbiesterung erlegen sein:
Das einzige Mal, wo ich mir vorstellen könnte, dass ich „Ich – möchte - bitte“ in sinnvoller Weise verwenden könnte, ist in dem Satz: Mutti, ich möchte bitte nicht erzogen werden.“

29. August bis 5. September: Aktivcamp Idre
Da ich die Auffassung der Gruppe nicht teilte, es handele sich hier um ein paramilitärisches Ausbildungslager, trickse ich mich des öfteren aus dem Gruppenzusammenhang und mache mein Ding.
So blieb der Gruppe verborgen, dass nur sehr wenige Grabsteine auf dem Friedhof von Idre das Kreuzsymbol aufweisen.
Überwiegend zieren Naturmotive die Steine. Als da sind: der Lieblingshund des Toten, Kiefern und Fichten am See, eine Strahlen werfende Sonne.
Bei einem vom Stein stolz verkündeten „Kämpen und Syndikalisten“ wundert solch verstocktes Heidentum nicht. Aber auch viele andere weisen Spuren von Renitenz auf.

Meine hübscheste Erinnerung ist der Grabspruch:
WAS SIE KONNTE
DAS MACHTE SIE.
Nicht zu verwechseln mit der gönnerhaften moralischen Anerkennung, die einer in ihrem Wirkungskreis sehr beschränkten Person zuteil würde:
SIE MACHTE DAS
WAS SIE KONNTE.
Die Stoßrichtung des ersteren lapidaren Spruchs geht nämlich gegen die fragwürdige Könnerschaft von Leuten, die immerzu Steine kochen, und alle Welt wissen lassen, was für ein feines Süppchen sie uns demnächst verabfolgen würden, wenn man sie nur wählte.

31. August: Umrundung des Nipfjälls
Durch die Schönheit eines Urwalds. Später im Kahlfjäll die weiten Blicke aufs Ungehinderte. Im Westen bis zum Rondane-Fjäll.

KEINE ZÄUNE!!!

Von hier aus könnte man nach Überallhin aufbrechen ins Unbegrenzte.
Von keinem Eigentümer wird dir ins Gedächtnis gerufen, dass all dieses Eigentum ist. Nicht deines.
Das ist nicht das selbe wie die damit verwechselbare Grenzenlosigkeit, die sehr leicht ins Ewige hinüberschielen macht.
Diese Landschaft ist ein Lied, dessen Text man längst vergessen hat, und jetzt trägt dich die Melodie.

1. September
Ich simuliere Trotteligkeit, um nicht die Kanutour auf dem Sturan mitmachen zu müssen. Hätte leider, leider die in Schweden obligatorische Schwimmweste vergessen,...
und kann jetzt auf eigene Faust rumblödeln.

Nachmittags gabelt mich der Camp-Koch auf, und wir fahren mit dem Bully zu dem prächtigen Wasserfall Njupeskär (ca. 97 Meter freier Fall) und nach Särna, die alte Holzkirche von ca. 1690 zu bewundern. Hier ein Foto des Altars,

http://www.panoramio.com/photo/564524

von dem die Schweden sagen, der Herrgott selbst hätte ihn gemacht.
Dabei ist das bloß Barock vom Hörensagen, dessen Exzesse im Umfeld des nüchternen Protestantissimus architektonisch halt sonst nicht vorkommen.

Über simulatio und dissimulatio nachgedacht.
Also über die verschiedenen Touren der Heuchelei, in denen die alten Rhetoriker sich blendend auskannten.
Bei der simulatio trommelt man mit der bewusst bejahten Norm den Anderen auf dem Kopf herum, was die sehr zu befriedigen scheint. Eine Sorte höherer Klatsch also, in dem sich die Beteiligten der Richtigkeit ihrer Auffassungen versichern.

Die Verstellung der dissimulatio gefällt mir persönlich besser. Da verstellt sich einer, und in seinem Verstecken steckt immerhin die Möglichkeit des Verschonens.
Muss man ausgerechnet beim So-tun-als-ob immerzu das Panier der Wahrheit hochhalten?
Offenheit ist auch eine Taktik.
Wäre es nicht manchmal angebrachter, sich zu verstellen, um ETWAS zu verstellen, weil es unangenehm ist, und die Wahrheit darüber zur wirklichen Wahrheitsfindung so gar nichts beiträgt?
Dissimulatio ermöglich also beispielsweise den Flirt, ein Spiel, das ja nichts als die Wahrheit ist.
Und ist nicht die falsche Darstellung eines Sachverhalts das Metier der Dichtung, die damit die Wahrheit eines Gefühls erzeugt?
Dichtung ist eine Lüge, die wahrer gar nicht sein könnte.

2. September: Mein erster Elch
Da!
Da steht er ja, der Elchbulle!
Ein Monster von massigen Muskelbergen, unter dessen massigem Schädel einer glatt durchgehen könnte ohne anzustoßen.

Normalerweise reagieren alle Tiere auf die Gegenwart des Menschen: ängstlich, neugierig oder aggressiv. Nicht so der Bulle. Den geht in seiner Welt unsereiner nichts an. Der pfeift auf uns und glotzt dorthin, wo er auch schon Minuten vorher hingeträumt hat.

Jetzt kehrt er uns gar halb sein Hinterteil zu, und nach dem kleinen Seitenstep steht er wieder: die fleischgewordene Gleichgültigkeit. Ein Etwas, das aus sich selber heraus und für sich selber da ist. Angehöriger einer anderen Welt. Ein Bild des Absoluten in seiner Beziehungslosigkeit zu allem, was es sonst noch geben könnte.
Ohne Furcht, ohne Begehren, keine kleinen schmutzigen Geheimnisse verbergend strahlt er das Behagen in sich ruhenden Fleisches aus.

Eine einzige Predigt über seine Gewissheit einer sinnvollen Weltordnung.

So möchte man sein.

Aber dann setzt sich dieses Bild des Absoluten endlich doch noch in Bewegung. Und diese komischen, ungelenken, schlaksigen Bewegungen lassen mich nun meinerseits fröhlich aufs Absolute pfeifen.

3. September: Radeln zum Grövelsjön
Hier mal was absolut Neues: es regnet nicht.
Also 40 km nach Norden zu einem landschaftlich sehr reizvoll gelegenen See. Dort das Erlebnis der guten, weil richtigen Einsamkeit.
Ich betrachte die mir zugekehrte Rückseite Gottes. Er hat nichts gegen mich.

Du musst niemandem etwas beweisen, und es sind alle abwesend, die Lust darauf haben, mit dir schalten und walten zu wollen.
Das Lied der Landschaft trägt dich, obwohl du sehr gut weißt, dass du es bist der läuft. Unabhängigkeit, die sich ihre Abhängigkeit von geistiger Wegzehrung selbst aussucht, denn aller Geist ist nun mal nicht so ganz von dieser Welt.

Wenn ich solchen oder ähnlichen poetisierenden Quark vor mich hinmurmele, erkundigen sich Leute, die sich sehr von dieser Welt wissen, freundlich nach meinem geistigen Gesundheitszustand: „Aber sonst geht´ s dir gut?“
Das Gruppenrudel spricht – wenn überhaupt – über die Welt der kaufbaren Dinge, in der es sich hervorragend auskennt.

4. September
Die Tour auf den STÄDJAN entfällt, mal wieder wegen Regen.
Mal sehn, was die herumliegende Gideons-Bibel über oppressiven Dauerregen zu sagen weiß.
Hab´ ich mir´ s doch gleich gedacht: Nichts, niente, nada.
Schreibe ich mir also so zum Zeitvertreib

Christians Psalm in Regenbedrängnis

1 Höre mich, O Herr, und erbarme Dich meiner und erhöre mein Gebete.

2 Wie lange noch, O du Höllenhund von einem Sauwetter, willst du mit deinen nassen Heerscharen meine Erhabenheit (über sonst alles) in den Dreck deiner Pfützen ziehen? Wie lange noch willst du verliebt bleiben in deine Wertlosigkeit und hinter allem sündigen Falschen hersein? Selah

3 Wisse, dass Der Herr die Frommen Sich an Seine Seite genommen hat, und Er hört auf mich, wenn ich Ihn rufe.

4 Pflege deinen Grimm und Groll, aber sündige nicht. Liege du auf deinem Bett und denke mit und in deinem Herzen, und sei ruhig. Selah

5 Und vertröste dich mit dem LORD, dessen Antlitz wie eine Sonne über dir scheint, und zwar noch mehr als in der Saison, wo die Sonne Weizen und Wein wachsen macht.

6 Ich will mich niederlegen und in aller Friedfertigkeit einschlafen; denn Du allein, O LORD, lässt mich im Schutze Deines Daches in Trockenheit wohnen.

7 In Deinem Hause sind ja viele Wohnungen.
Wäre es anders, hättest Du uns das gesagt.
Die Bösen aber werden wohnen in der kalten Lichtlosigkeit
des nassen Untergeschosses.
Selah

Übrigens hat es auf dem danach selbstauferlegten, dreistündigen Marsch bergan sich angelassen wie im Reich des Todes und seiner feuchten Finsternis eines noch nicht trockengewohnten Kellers.

Hätte ich mir ja gleich denken können.

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