Reisen-Baltikum

Sonntag, 8. August 2010

St. Petersburg und Baltikum

Es ist ein allgemeines Gesetz der Sprachgeschichte, dass alles nicht auf heimischem Kulturboden Gewachsene der jeweils überlegenen Kultur entlehnt wird. So verdankten die Germanen den Römern den „Ziegel“, den Franzosen die „Zivilisation“ (tihihiii!) und den Amerikanern den „Computer“, beispielsweise.

Die Letten dürften nicht gerade führend in der Fahrzeugbranche gewesen sein, wenn sie dem Deutschen die „Bremze“ (Bremse) entlehnten. Andererseits ist die Abwesenheit dieses wichtigsten Steuerungsinstruments bewegter Massen nur zu verständlich angesichts einer Landschaft, deren Horizont wie mit dem Lineal gezogen ist.
Über 1700 km Busfahrt, flache sumpfige Wiesen, die nicht mal zum Golfen taugen, Wälder im Hintergrund, und dann und wann ein Storch. Ich erinnere mich einer kurz vorüberhuschenden Hügelgruppe als einer elektrisierenden Sensation. So ein Land ist das Baltikum von Estland im Norden bis nach Litauen im Süden.
Da sagt sich der aufmerksame Leser mit Recht: Wo soll da wohl die Notwendigkeit für eine Bremse herkommen? Im Matsch und Mulm mahlende Leiterwagen haben eher das Problem des zu überwindenden Reibungswiderstands. Fragt nur die Pferde der letzten Jahrtausende!

Obwohl...schön grün ist es ja da im heißen Sommer 2010. Selten mal unter 30 Grad.

Angefangen hat das alles am 14 Juli auf dem Flughafen von St. Petersburg.
Unser Gepäck war wohl in Riga steckengeblieben.
Jede Menge Papierkrieg! Doppelte Ausfertigung von Formularen hier, Stempel abholen da, paar Meter weiter erneute Bestandsaufnahme des Schadens, diesmal detailliert, doppelt, ohne Pauspapier!

Merke: Wenn du nach Russland gehst, nimm Pauspapier mit.

Der arme Steyler Pater Richard Stark (SDV), der uns vom Flughafen abzuholen angeboten hatte, wird wohl das eine oder andere göttliche Wort über die Tugend der Geduld für die nächste Predigt gesammelt haben, bevor er uns endlich aufsammeln konnte.

15. Juli-

Bei 33 Grad in der Sonne, ohne Mütze!
Sonnenbrand.
- Keine Stiebel.
Fußweh.
- Keine Hygiene!
Klasse!
Ansonsten, 5 Stunden Eremitage. Überwältigend!

Den angeberischen Newski-Prospekt als Beispiel für die auch sonstige Angeberei dieser Stadt mit ihrem viel zu vielen Platz für eine Champs Elysées nach dem andern Boulevard teilweise abgelaufen.
Außerdem hat mir der liebe Gott, mitten auf dem Newski - Prospekt eine da herumliegende, funkelnagelneue baseball cap geschickt, eben eine Gabe Gottes, Gnade, Baraka wie die Araber sagen.
Wie meistens aber wieder mal zu spät für meine brennende, mittlerweile doch sehr hohe Stirn.

Den nächsten Tag waren die Rucksäcke dann doch noch geliefert worden.

16. Juli
Das Bernsteinzimmer im Rokoko/Katharinenpalast in Zarskoje Selo (Puschkin).
Was soll man dazu sagen? Ein echter Devisenbringer. Wir standen fast eine Stunde bei fast 40 Grad in der prallen Mittagssonne an, um zum Einlass zugelassen zu werden.
Der Park aber ist schön, mit jeder Menge weißen und glücklichen Bräuten zwischen dem Grün, die das als passendes Ambiente für ihren wichtigsten Tag im Leben entdeckt haben.

Es steht jetzt fest: die Bettcouch in dem katholischen Seminar ist verwanzt. Ich habe an die 50 Einstiche von den Bettparasiten um die beiden Hüftgelenke herum gezählt. Wenn man darüber strich, fühlte sich das wie Streuselkuchen an. Ich sag´ s ja immer: verlass Dich auf die Kirche, und du bist verlassen.

Vormittags schwärmte uns der sympathische Pater seine in sukzessiver Renovierung befindliche Kirchenruine vor. Ein Projekt, das sich wohl über seine Lebenszeit hinaus hinziehen wird. Aber da er drei Jahrzehnte im Kongo missioniert hat, wird er wohl auch mit den schwerfälligen Russen zurande kommen.

17. Juli
Heute Transfer nach Tallinn in Estland, dem alten Reval.

Echtes Grenzen-feeling . Fast zwei Stunden Aufenthalt, weil der Russische Staat nachschauen will, ob wir auch unser Transitvisum nicht überschritten haben, und der estnische Oberaufpasser über menschliche Bewegungen in Raum und Zeit auf seinem Territorium das, was er als seine Pflicht begreift, sehr ernst nimmt.

Diese Samstagnacht war die ganze Stadt eine einzige Party von finnischen Kampftrinkern und englischen „stag-night“ Feiernden. Vom einheimischen saturday night fever ganz zu schweigen!
Nicht weiter schlimm.
Aber der fröhliche Lärm ebbte erst gegen 4 Uhr 30 in den Morgenstunden ab.
Sogar den Möwen hatte es gereicht. Die schimpften und kreischten.
Hat aber auch nix genutzt.

18. Juli
Eine alte Sage raunt, Reval dürfe nie fertig werden, denn sonst komme der Obere See über die Stadt und Mann und Maus müsse dabei ertrinken. In jeder Neujahrsnacht kommt ein kleines, schmächtiges Männchen mit einer grünen Zipfelmütze in die Stadt und fragt den ersten Vorübergehenden: "Ist Reval bald fertig?"
Der Gefragte muss dann sagen: "Noch wird in Reval gebaut aber die Stadt ist bald fertig“ wenn er nicht Unglück heraufbeschwören will. Dann lächelt das Männchen zufrieden und geht fort.
Man darf das Männchen nicht etwa erzürnen und antworten: "Reval ist noch lange nicht fertig."
Denn dann reißt dem Männlein die Geduld, es will nicht mehr länger warten und der Obere See ergießt sich über die Stadt. Wenn der Betreffende aber so undiplomatisch dumm ist, dass er antwortet: "Reval ist fertig", dann kommt im selben Moment das Wasser über die Stadt.

Ich mag diese sehr kluge und menschliche Geschichte sehr. Sie spricht sich aus für das Unfertige, Vorläufige als einem poetischen Schwebezustand zwischen zwei Möglichkeiten seiner Vernichtung: dem Begriff einerseits und dem wabernden Weben der ziellosen Gestimmtheit andererseits. Zwischen beiden Extremen hält sich das Menschliche seiner Gefährdung zum Trotz.

Morgens das Freilichtmuseum ange- und belaufen. Auf dem Weg dorthin die typische „Findlingsküste“. Da liegen bei Ebbe die von den Eiszeitgletschern herumgeschleppten Rundlinge dekorativ im Schlick.
Die Altstadt von Tallinn hält ein hübsch mittelalterliches Disneyland bereit, auf dessen erstem Stock („gemeinbaltikumistisch“ für ebenerdiges Erdgeschoss) die Touristen aus aller Welt unter gewaltigen Sonnenschirmen herumsitzen, wenn sie nicht gerade wie wir mit gemischten Gefühlen herumwandeln in all dem gefälligen Kitsch. „Ich weeß ja, dass es Kitsch ist. Aber Kitsch ja so scheeen!“

Und im Café „Kehrwieder“ schmeckt er auch noch dazu.

In Wirklichkeit zeigt schon die Stadtgeographie mit ihrer Teilung in die Oberstadt des Adels und des sich ihm anwanzenden Klerus und in die Unterstadt des Bürgertums wie die Klassengesellschaft früher ging. Vor allem den gewaltigen Mauerwerken der Unterstadt ist abzulesen, dass der Adel nicht zimperlich war, wenn er das ihm Zustehende einzutreiben gedachte.
Das soll nicht heißen, dass dem friedlichen Kaufmannsbürgertum und seiner kriegerischen Hanse ein Loblied zu singen sei. Die ureinwohnenden baltischen Stämme und Völkerschaften bekamen den bürgerlichen Rechtsstaat um die Ohren gehauen: „Was, du kannst keinen schriftlichen Eigentumsnachweis führen? Tja, mein Lieber, ich hab ´s schriftlich, dass das mir gehört.“

Nach Klärung der Eigentumsverhältnisse folgt die ihnen entsprechende Einweisung in die sehr einseitig nützlichen Rechtsverhältnisse. In Riga sorgten beispielsweise diese braven Deutschen dafür, dass kein Nicht-Deutscher mit etwas anderem als den niederen Diensten der Schauerleute und Lastenschlepper im Hafen bearbeitsplatzt wurde.

Der ganz offensichtliche Reichtum dieses baltischen Handelskapitals beruht auf den Privilegien und Ausschlussrechten, die sich diese Kulturbringer nach dem hohen Vorbild des Deutschen Ordens großzügig gewährten.
Aber die von ihnen hinterlassene Backsteingotik hat trotz allem etwas unmittelbar Berührendes. In keiner anderen Architektonik wird so schlagend der Arbeitsaspekt des „Stein – auf - Stein“ sinnfällig aufgetürmt. Und Arbeit und Schönheit und Sinn gehen darin Hand in Hand.
Das ist es wohl, was dem Nostalgiker in mir diese angenehme Wehmut beschert.
Das Konzert in der Heiliggeistkirche. Mächtige Gemütsbewegung. Gehört wohl auch hier her.

Tallinn, Montag, 19. Juli
Wir stellen fest, dass auch im Baltikum der Montag Ruhetag für alle Museen ist.
Als Verlegenheitslösung Ausflug an den Strand von Pirita, in der Hoffnung auf eine Fähre zu den Inseln, auf denen man schön Wandern könnte. Wir stellen fest, dass der Montag Ruhetag für alle hier in Frage kommenden Fähren ist.
Ersatzweise ein langer Marsch zurück nach Tallinn. Die Ruine des Birgittenklosters von 1577 ist mit seiner gewaltigen Fassade auch heute noch eindrucksvoll. Nicht dass Iwan der Schreckliche etwas gegen das Gotteshaus gehabt hätte bei seinem Kampf um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Aber es dürfte wohl dessen eminent wirtschaftliche Funktion gewesen sein, was ihn störte.

Der bürgerliche Utilitarismus der Tallinner Kaufleute nutzte übrigens die günstige Gelegenheit und verbaute so manchen der großen hellgrauen Steine der Ruine in ihren Stadtwohnungen.

Nächstes highlight: die gigantische Muschel der Sängerhalle, mit dem Blick aus dem Publikumsbereich auf den Hafen, wo alle fünf Jahre Chorwettbewerbe stattfinden. Zum Großen Sängerfest versammeln sich etwa alle fünf Jahre an einem verlängerten Sommerwochenende bis zu 25.000 Sänger aus allen Teilen Estlands bzw. Lettlands, dazu kommen estnische und lettische Exilchöre sowie ausländische Gastchöre.
Auf dem Sängerfeld von Tallinn erinnert eine überlebensgroße Statur an die estnische Komponisten- und Dirigentenlegende Gustav Ernesaks, der die Feste in Estland über Jahrzehnte geprägt hat. In Lettland werden die Dirigenten der Massenchöre, wie z.B. die Zwillingsbrüder Kokari, auf dem Sängerfest gefeiert wie Volkshelden und abschließend mit einem Eichenlaubkranz auf dem Haupt auf Armen getragen.
Ein Volk, das statt Generälen und anderen Schlagetots seine Komponisten und Dirigenten feiert, kann nicht durch und durch unsympathisch sein. Es sei daran erinnert, dass es eine „singende Revolution“ war, die ideologische Hilfestellung bei der Loslösung aus dem Sowjetverbund leistete.

Der Marsch endete im Kadriorg, einem von Peter I. nach seiner Frau Katharina benannten Barockschloss mit Park.
Abends ist das elendig am Schiffen.
Wir sind in einem Zimmer, das kein Fenster hat, dafür aber ein Oberlicht in 5 Metern Höhe in der Zimmerdecke.
Wir haben die Wahl zwischen Ersticken bei geschlossenem Oberlicht oder Ertränktwerden bei geöffnetem.
Letzteres ist bei weitem vorzuziehen. Zumal der Regen so warm ist, dass er in der heißen Luft gar nicht auf dem Fußboden ankommt, sondern in der Zimmerluft verdampft, bevor die Tropfen auf dem Boden aufschlagen.
Was dennoch durchkommt wird im Mülleimer aufgefangen.

20. Juli : Bustransfer nach Riga
Nachmittags Altstadtbummel.
Hanseatische Speicherhäuser neben barocken Bürgerhäusern und Prachtbauten aus der Glanzzeit um 1900. Ein Kunterbunt architektonischer Moden bis hin zu den neuesten luftigen Passagen (Malls). An den prächtigen Fassaden der Bürgerhäuser lässt sich ablesen, dass auf die Dauer nichts so erfolgreich ist wie die Jahrhunderte währende Unterdrückung „Undeutscher“.

Historisch ist diese Stadt ein Kuriositätenkabinett, das mit der Zwangschristianisierung („Taufe oder Tod!“) der „Sclaven“ durch Bischof Alberts Kreuzzügler im 13. Jahrhundert beginnt. Der Kampf gegen die Heiden, notfalls bis zu deren Vernichtung, galt als höchst ehrenvolle und vom Papst mit Sündenerlass versehene Aufgabe, der Zug ins Heidenland als Pilgerfahrt.
Über das Vorgehen bei der religiös motivierten Landnahme heißt es in der Chronik Heinrich von Lettlands:
Sie töteten vom Morgen bis zum Abend wen sie fanden, sowohl ihre Weiber als auch die Kinder … bis Hände und Arme der Tötenden müde vom ungeheuren Morden des Volkes endlich erlahmten.“

Was dann die damaligen Fernkaufleute der Hanse betrifft, so wird einem schnell klar, was das für Kerle waren.
Am Reglement des Schwarzhäupterhauses, dem Versammlungs- und Clubhaus von Rauhbeinen, die ihre Waffen am Eingang abgeben mussten, kann man ablesen, dass der Abstand zum kaperfahrenden Piraten noch nicht sehr groß gewesen sein kann. Die Clubregeln besagten auch, dass der empörende Brauch des Trinkens aus fremden Gläsern verboten ist, und wer sich wegen unmäßigen Trinkens übergeben musste, hatte eine hohe Geldstrafe zu gewärtigen. Der Name des Hauses geht übrigens auf den Schutzpatron der Gilde zurück, den geheiligten Mohren Maurizius.

Zur bürgerlichen Nützlichkeitsreligion gibt es auch in Riga mehrere schöne Beispiele in Form von historischen Monumenten. So in der Reformierten Kirche in Riga, wo große Teile des Kirchenraums dem Kaufmannsgewerbe zugleich als Speicher und Lagerraum dienten.

Auch bei der spätgotischen St. Nikolaikirche, einer Kirche in einem Handelszentrum des Baltikums, dachten die Zeitgenossen ausgesprochen pragmatisch und richteten im Dachstuhl Lagerräume für Handelswaren ein.

Ich habe schon auch etwas gegen Napoleon, der als militanter Oberbürger schon mal die eine oder andere Kirche zum Pferdestall oder Weizenspeicher umfunktionierte, wenn die Situation das erforderte.
Ich habe aber noch mehr dagegen einzuwenden, wenn ein großes Geschrei anhebt, sobald Russland oder der ehemalige Sowjetstaat bei ganz den selben Aktivitäten des Utilitarismus ertappt werden. Der Bau von Kirchen ist dann ebenso verwerflich (Russifizierung!) wie ihre Zweckentfremdung oder -umwidmung. So im Falle der Geschichte der russisch-orthodoxen Kathedrale zu Riga.

Erst meckert die Führerliteratur, dass die Russen sich erlauben, so eine abweichlerisch heidnische Symbolik in die durch und durch protestantische Umgebung zu setzen: "Gewaaalt!!! Russifizierung!!!"
Dann erlauben sich die Soffjets, aus der Kirche ein Planetarium zu machen, weil denen eine wissenschaftliche Weltanschauung dienlicher scheint: "Hattu bösi, bösi ´macht."

Mich regt das Kindische dieser Urteilsmechanik auf.
Dabei ist vorhersagbar, wofür sich ein gestandener Bürger entscheidet, wenn Nützlichkeitserwägungen anzustellen sind, ob so einer Napoleon heißt oder mit der Kogge aus Bremen kommt, oder lieber das kleinere Übel wählt...

21. Juli
Ausflug nach Sigulda.
Der Hitze entfliehen wir in das Naturschutzgebiet des Gauja - Nationalparks, wo ich meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehe, der Pfadfinderei.
Und der liebe Wanderkumpel Werner bügelt brav jeden meiner unnötigen Bögelchen mit seinen Beinen aus.

Nichts Spektakuläres. Halt eine Waldwanderung mit ganz unbaltischen Aufs und Abs zu einer Gutmannshöhle, wo es mal aktenkundig tragisch zuging. Hier fand die Liebe zwischen Maja, der „Rose von Turaida“ und einem deutschen Schlossgärtner ein böses Ende: ein polnischer Finsterling, der auf Maja scharf war, lockte sie unter Vorspiegelungen in die Höhle, um die Heiratsunwillige dort zu vergewaltigen.

Dieser polnische Offizier namens Jakubovski muss ein ziemlicher Trottel gewesen sein. Denn Maja gelang es, ihm weiszumachen, dass ihr Halstuch seinen Träger unverwundbar mache, und dass sie es ihm schenken wolle – wenn er von seinem unsittlichen Vorhaben Abstand nähme. Um die magische Kraft des Tüchleins zu testen, solle er ihr mal versuchsweise den Kopf abschlagen. Dann werde er ja sehen, dass sie unverwundbar ist. Es kam wie es kommen musste. Maja verblutet, und ihr Geliebter wird statt des fiesen polnischen Offiziers des Mordes verdächtigt.
Ich kann mir so viel Blödheit nur damit erklären, dass katholische Polen, und Offiziere erst recht, bis auf den heutigen Tag alles glauben, was man ihnen erzählt.

Wir waren in einem Orgelkonzert im Dom. Die Orgel hat mit ihren fast 7000 Pfeifen, die längste 10 m, die kürzeste 13 mm einen Tonumfang von neun ein halb Oktaven. Schwer beeindruckender Sound und die Akustik ist ideal. Sonst ärgert immer das Ineinandergewurstel von polyphonen Läufen der Orgel in nachhallenden Kirchenräumen. Hier ist jede einzelne Stimme in ihrem Lauf erkennbar. Edelst!

Im Gedächtnis bleibt Jehan Alain, ein französischer Orgelkomponist aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Fantasia Nr. 2 und Litanies.

22. Juli
Transfer nach Vilnius
Und Altstadtbummel. Der Kernbereich des alten Vilnius hatte im 17. Jahrhundert das zweifelhafte Vergnügen, von einem verheerenden Brand in Schutt und Asche gelegt zu werden.

Das, und der Umstand, dass Litauen fest in polnischen Katholikenhänden war, ist der Grund, warum diese Stadt so einen auf die Dauer ermüdenden italienischen Barock in mehr als 100 Kirchen und ein paar Profanbauten aufweist. Sogar das Unikum einer orthodoxen Barock(!) -Ikonostase in schwungvollstem grünem Stuckmarmor gibt es zu besichtigen.

Verlässt du eine der Kirchen, sind mindestens zwei weitere in deinem Blickfeld.
Eine Ausnahme bildet die wunderschöne spätgotische Annenkirche. Gut, dass Napoleon sie - ganz gegen seinen Wunsch - doch nicht abgetragen hat, um sie in Paris wieder aufzubauen. An Machthabern wird manchmal Gutes aufgefunden: das, was zu tun, sie unterließen.

Da ist es geradezu eine Wohltat, wenn die Pilgerstätte der „Barmherzigen Muttergottes“ über dem Ausros - Tor, eine wundertätige Schönheit, der holländischen Renaissance entstammt.
(Übrigens: Im „Internetladen für religiöse Kunst“ kann man sich die Reproduktion dieser Ikone schon für € 132,- inclusive UST 19%, exkl. Versandkosten erschwingen. Eine etwas bessere Ausführung der Jungfrau von Vilnius für die erfolgreicheren Christen in ihren Stretchlimousinen ist aber auch für standesgemäße € 14.550,- zu haben.)

Wie gesagt, wo Du hintrittst, bist du von Kirchen umzingelt. Das hat aber auch eine positive Seite. Man kommt leicht in den Genuss von Konzerten. Wie man überhaupt sagen muss, dass diese Reise eine musikalisch gut untermalte war. In Vilnius gab es im Museum für byzantinische Sakralkunst ein Angebot aus italienischer Renaissance und italienischem Barock. Die unseren Hörgewohnheiten etwas spröden Härten der Renaissanceharmonik lösten sich in Richtung der Ohrwürmer Corellis und seiner Zeitgenossen auf.
Ein starkes Erlebnis war auch – ich glaube in der Johanniskirche in Riga – ein ungewöhnliches, hochdramatisches Duett (Cello und Klavier) von Beethoven, in dem beide Instrumente, ohne das andere zu dominieren, miteinander konzertierten.

Ansonsten häufen sich in Vilnius die Verdachtsmomente, dass die von den Polen - während ihrer langen Herrschaft - angesteckten Litauer ebenfalls nicht ganz richtig im Kopf sein können.

Sie haben sich einreden lassen, dass der ins polnisch-litauische Herrscherhaus hineingeborene und spätere Nationalheilige Polens und Litauens, St. Kasimir, ursächlich beteiligt gewesen sei an der leiblichen Wiederauferstehung von Toten. So sei es kurz nach seinem Tode in der Nähe seines Sarges zur Wiederauferstehung einer Mädchenleiche gekommen. Die sterblichen Überreste des Heiligen hätten wunderbarerweise auch die Auferstehung eines Jungen vom Leichenstatus bewirkt.

Nicht genug damit: mehr als 100 Jahre nach seinem Ableben öffnete man des Sarg des eben Heiliggesprochenen, und will einen nur wenig verwesten Leichnam gefunden haben, der einen ungeahnten Wohlgeruch verströmt haben soll. Offenbar ein Mann, der buchstäblich – und nicht nur im übertragenen Sinne – im „Geruch der Heiligkeit“ stand, was mir nun wieder etwas anrüchig vorkommt.

Welch merkwürdige Auffassungen die polnisch-litauischen Untertanen für akzeptabel halten, sieht man auch auf dem Altarbild der Kathedrale abgeschildert: die eigenhändige Ermordung des Hl. Stanislaus durch den polnischen König Boleslaw II. während eines Gottesdienstes.

Hier begegnen uns gleich zwei abstoßende Beispiele für die bei Polen kulturell hochgehaltene Unduldsamkeit.
Stanislaus konnte die Untreue des Königs zu dessen Ehefrau einfach nicht tolerieren, weswegen er ihn stracks exkommunizierte. (Man bedenke zum Vergleich: Adolf Hitler ist bis auf den heutigen Tag von keinem Papst aus der Gemeinschaft der christkatholischen Gläubigen hinausgesäubert worden!)
Dies wiederum kann ein polnischer Herrscher nicht einfach so durchgehen lassen. Er übt die hohe Tugend der Intoleranz aktiv aus und „exkommuniziert“ per Schwertstreich den Stanislaus gründlich aus dem Leben.
Aus der endlosen Reihe von Beispielen für die Hochschätzung der Unduldsamkeit in dieser Kultur der Intoleranz sei ein spaßiges letztes erwähnt: zu Tallinn erinnert ein L - förmiger Stein an die Stelle, an der im Mittelalter ein mit einem Omelett unzufriedener Mönch die Köchin mit einer Axt erschlug.

Was wir uns auf dieser Reise geschenkt haben: die Überbleibsel der jüdischen Ghettos von Vilnius ebenso wie die Folterkeller des KGB in Riga. Denn Reisen ist Kurzweil und Besinnlichkeit. Und wozu soll es gut sein, versonnen „Nie wieder!“ zu denken? Wir haben schließlich auch „Nie wieder Krieg!“ gedacht.

23.- 25. Juli
In Klaipeda, dem alten Memel, mieteten wir uns Leihräder für eine schöne Zwei – Tage - Fahrt nach Nida auf der Kurischen Nehrung und zurück.
Hier muss ich wohl ein Geständnis einflechten. An diesem Programmpunkt ist eine Art - aus meiner Jugendbewegtheit übrig gebliebener - Ostpreußenmythos ursächlich beteiligt:
Abends treten Elche aus den Dünen,
ziehen von der Palve an den Strand,
wenn die Nacht wie eine gute Mutter
leise deckt ihr Tuch auf Haff und Land.

Ruhig trinken sie vom klaren Wasser,
darin Sterne wie am Himmel steh' n,
und sie heben ihre starken Köpfe
lauschend in des Sommerwindes Weh' n.

Langsam schreiten wieder sie von dannen,
Tiere einer längst vergangnen Zeit,
Und sie schwinden in der Ferne Nebel
wie im hohen Tor der Ewigkeit.


In der Vertonung von Gerd Lascheit reißt mich dieses Lied auch heute noch in jene mythischen Gefilde, wo ein grimmig herber Balladen-Heroismus flunkert:

Wir ritten hinter Mesothen das gestrige Schlachtfeld hinan.
Die Krähen taten den Toten die letzte Ehre an....


Na und so weiter mit Agnes Miegels „Frauen von Nidden“, oder Ernst Wiecherts Preis des „Einfachen Lebens“...

Von all dem gibt es auf dieser touristisch sehr gut erschlossenen Nehrung aber auch so gar nichts mehr, falls das überhaupt jemals etwas anderes als eine literarische Landschaft war.
Statt der Elche zwei prächtige Hasen, ein Fuchs und eine Kormorankolonie.

Wenn ich ein Elch wäre, würde ich angesichts der Verkehrsverhältnisse über das Haff ans Festland schwimmen und nach der Freite gleich dableiben.

Was noch übrig ist: ein Restchen Heidentum in den gekreuzten Pferdeköpfen der Hausgiebel, und den stilisierten Kröten auf den „Kurenkreuzen“ im evangelischen Friedhof von Nida.
Ein moderner Runenstein auf der „Großen Düne“, nach der in der Bucht von Arcachon die zweitgrößte Düne Europas.
Der Hexenberg in Juodkrante versammelt Holzskulpturen aus der baltischen Mythologie.

Gegen das Entschwinden in ein Jenseits des Sichtbaren stemmen sich auch die zahllosen mit Blaualgen vergifteten Fische des Haffs, Opfer einer ökologischen Katastrophe.
Die naturreligiöse Ausrichtung neuheidnischer Ideologie, die durchaus einen Schwerpunkt in Litauen hat, ist offenbar auch nicht in der Lage, der laufenden Vergiftung von Land und Leuten Einhalt zu gebieten.

An Erfreulichem bleibt aus den letzten Tagen: das hübsche „Ännchen von Tharau“ (Lieblingslied meines Vaters selig), dem auf dem Theaterplatz in Klaipeda ein Denkmal gesetzt ist.
Die Jugendstilbauten Michael Eisensteins, des Vaters von Sergej Eisenstein (Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“).

Der Wind und der Geruch des Meers am Jurmala- Strand.

Ach ja, und die topplastigen Frauenzimmer von Riga mit ihrer wetterbedingt spärlichen Takelage auf ihren hochhackigen Schuhen!
Diese topplastigen Koggen sind rank und in jüngeren Jahren um die strammen Wanten rum schlank, haben also einen zu hohen Schwerpunkt in Richtung Mastspitze.
Das segelt mit seinen wippenden Rundstücken stolz an uns vorbei und neigt zu starker Krängung durch ungleich verteiltes Gewicht oder starken Seitenwind.
Man wünschte, das wäre ausschließlich formstabil und nicht gewichtsstabil, so dass es bei drohendem Kentern von unsereinem gerettet würde.
Es befallen meine Alterslüsternheit ausgesprochene Prisen- und Kapergelüste.

Beweis einer zum Ausufern neigenden Verbalerotik bei fortschreitenden Jahren.

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