Fiktive Briefe

Freitag, 10. Dezember 2010

Lieber Freund,

Du hast Schwierigkeiten zu verstehen, dass ich schreie, "wenn mir was weh tut". Du hättest schon gerne gewusst, was denn da wehtut. „Mitleid mit denen, denen es schlecht geht, Zorn auf die Ungerechtigkeit, den Zynismus, die mafiosen Strukturen in der Welt? Oder tut´ s nur weh, dass sie nicht auf Dich hören, der Du recht zu haben glaubst? Denn zu den Verelendeten und Entrechteten gehörst Du ja nicht selbst.“

Vielleicht hilft ja eine Art Eingeständnis fürs Verstehen.
1) Ich bekenne, dass ich als Theoretiker etwas dagegen habe, Bestimmungen einer Sache nicht ihr selbst zu entnehmen, sondern über sie ganz von ferne – aus weiß Gott welchem Tieferen oder Höheren - zu bestimmen. Ich nenne solches Denken der Elite und ihrer Gläubiger „schweinisch“. Und mir ist das dermaßen peinlich (kommt von Pein!), dass ich mir halt die Zehennägel abschneide, wenn es sie mir nach oben biegt.

2) Was mag wohl dem Henry Miller, von dem nicht bekannt ist, dass er dem Marxismus hold gewesen wäre, weh getan haben, als er in „Der klimatisierte Alptraum“, seiner Abrechnung mit dem Amerika von 1941, einfach so vergnügt hinschwätzte:
„Wir sind gewohnt, uns als befreites Volk zu verstehen. Wir sagen, wir seien demokratisch, freiheitsliebend, ohne Vorurteile und Haß. ...Wunderschöne Worte, voll edlen, idealistischen Gefühls. In Wirklichkeit sind wir ein ordinärer, drängelnder Haufen, der in seinen Leidenschaften von Demagogen, Presseleuten, religiösen Scharlatanen, Agitatoren und dergleichen leicht zu mobilisieren ist. Dies eine Gesellschaft freier Völker zu nennen ist Blasphemie. Was haben wir der Erde zu bieten, außer der überreichen Ausbeute, die wir unbekümmert der Erde entreißen in der wahnsinnigen Selbsttäuschung, dass diese verrückte Aktivität für Fortschritt und Aufklärung stehe.?“...

Kann schon sein, dass intellektuelle Leiden Luxusgüter sind, der Schmerz sitzt aber doch tief.
Bei Miller ist es der gekränkte Idealismus, bei mir halt das Aufräumen mit ihm.
Die Anlässe sind die selben geblieben.


„Kind, sei doch vernünftig!“

Zwischen Verstand und Verständigkeit ist die Kluft nicht so groß, wie von denen behauptet wird, denen es an beidem fehlt.

Statt dessen haben die ganz viel Vernunft aufzubieten.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Lieber Franz Alt,

der Du auf Deinem Sonnenseiten-blog

http://www.sonnenseite.com/Aktuelle+News,Nachhaltigkeit+braucht+politisches+Engagement,6,a17648.html

zu verstehen gibst: „Nachhaltigkeit braucht politisches Engagement.....
...Nachhaltige Ansätze zur Lösung heutiger Probleme gibt es längst, doch die Umsetzung scheitert am fehlenden politischen Engagement...
....Eine nachhaltige Wende wird ohne mehr Engagement im politisch-öffentlichen Leben nicht gelingen...“
Der Schlüssel für die Umsetzung aller Ideen ist das politische Engagement, hebt der WFC-Gründer nochmals hervor
. "In den Gesellschaften müssen neue Allianzen entstehen, die den politischen Sektor mit einschließen. Die alten Athener wussten schon was sie taten, wenn sie Bürger, die sich zur Teilnahme am politischen Leben weigerten, als ‚Idiotes’ bezeichneten."

Da muss ich doch entschieden gegen diese Verunglimpfung von Leuten, die anderes vorhaben, als sich vor Deinen Karren spannen zu lassen, protestieren.
Fangen wir bei dem insinuierten Idioten mit dem Nachreichen des nötigen Sachwissens an, auf das Politiker so gerne verzichten. Idioten waren in der Sklavenhaltergesellschaft Menschen, die Privates nicht von Öffentlichem trennten (wie Handwerker und Händler) oder aber Leute, denen das Politische untersagt war (wie Frauen und Sklaven). Weswegen sie bei den Römern auch ganz ehrlich die „Privaten“ hießen, also die Beraubten. Falls die sich weigerten, ihrer Beraubung zuzustimmen, kriegten solche Spartakusse regelmäßig die Kreuzigung verordnet.

Und da kommst Du jetzt daher und willst uns allen erzählen, die demokratische Trennung von politischer Macht und verfassungsmäßig garantierter Ohnmacht des Ja - Sagers zu seiner Beraubung existiere gar nicht, wenn er sich nur nachhaltig genug einbilde, er sei die politisch gestaltende Öffentlichkeit?

Idioten waren offensichtlich damals Menschen, die sich einbildeten, ihr privater Kram gehöre in den Bereich des Politischen, der doch von einer Reihe von Angehörigen der nichtarbeitenden Schichten definiert wurde.

Solche Idioten, die auch wirklich nichts vom anderen zu unterscheiden angehalten wurden, laufen allerdings ganz im Gegenteil heutzutage zuhauf herum.
Und empfehlen, ja nicht die unbedeutende Sekte der Politiker bei ihren neuen Allianzen zu vergessen.


Zum Engagement, für das hier wieder mal hemmungslos gehetzt wird, ein ganz kurzes Wort:
Wenn der Fuchs das Engagement predigt,
dann, Bauer,
pass auf deine Gänse auf.

Samstag, 9. Oktober 2010

Methodologie der Unverhältnismäßigkeit

Lieber Freund,

wie Du bemerkt hast, geht mir das derzeitige Engagement
von Leuten, die meinen, es werde das propagierte Staatsideal ohne Wissen der es tragenden Führung mit Füßen getreten, ziemlich auf den Geist.
Weswegen ich diese Form der Kritik einmal mit ein paar Schlaglichtern beleuchten möchte.

"Unverhältnismäßig!"
Politiker und Liebhaber der Moral - so unterschiedlich die beiden auch sein mögen - lieben dieses Wort, schnalzen dabei geradezu genüsslich mit der Zunge: Unverhältnismäßigkeit!

Daher werden sie hier auch als gebeutelt von ein und demselben Geist betrachtet. Beide benutzen, ganz unabhängig von der Justiz oder der Betriebswirtschaftslehre, ihr gut entwickeltes Gutdünken und Schlechtfinden, um in der Gedankenfigur des Vergleichsweisen herauszufinden, dass dies oder jenes an harten Einschnitten ziemlich, leidlich und relativ gut, oder die neuesten Wohltaten an Anderen doch eher ziemlich mau bis unerträglich seien, eben in keinem Verhältnis zu nichts Vertretbarem stünden.

Dabei interessiert diese Gedankenfigur nicht etwa das tatsächliche Verhältnis, sondern dessen Auflösung in irgendwelche Verhältnisse, von denen das rechte Maß zu wissen sie vorgeben, ohne den Beweis dessen jemals antreten zu müssen. Von daher das exzessive Vergnügen daran.

- Also: das Kapitalverhältnis, das sich ziemlich unerfreulich für die davon Abhängigen auswirkt, interessiert erst mal so was von überhaupt nicht. Und seine sämtlichen Wirkungen sind selbstverständlich nicht im notwendigen Zusammenhang mit ihm zu erklären. Man müsse die Dinge nur ins rechte Verhältnis zueinander setzen, dann würde es schon. Und dann liest man eben beispielsweise einen Brüderle sich für höhere Löhne einsetzen, und die Gewerkschaften samt Arbeitgeberei empfehlen ihm, sich da besser raus zu halten. Der Sandkasten der Tarifautonomisten wäre schon voll.
- Und an dieser Vorgabe entlang wird dann in den Haushalten und am Arbeitsplatz heiß darum gestritten, was wem in welcher Höhe zusteht. Woran man sieht, daß es im Sandkasten doch noch viel Platz hatte.
- Aber wie viel Geld ein Mensch zum Leben braucht, bestimmt nun mal Hartz-IV. Basta.
-
- Die Verwalter der politischen Ressorts lassen sich überhaupt gern vernehmen mit ihrem öden „mehr von allem“, was eh schon da ist, als angemessen. Das können sie sich gefahrlos leisten, weil die gewusste Maßlosigkeit des Kapitals sowieso keine Grenze nach oben kennt.
- Ein eher verdächtiger Teil der Medien erhebt dagegen Bedenken. Weniger wäre mehr gewesen. Immer im Vergleich des Steuerzahlers zu anderem Wünschenswertem: Weniger Soldaten, mehr Kindergärten. Weniger Gewalt, mehr Verständnis, für das Gute an der Gewalt. Denn allzu viel ist ungesund. Und ne quid nimis orakelt der Humanist.
-
- Bei dem „weniger Soldaten, mehr Generäle“ fällt einem der Krieg der Israelis ein. Der geht irgendwie schon in Ordnung. Bloß sollte man nicht so unverhältnismäßig mit Spatzen nach den palästinensischen Kanonen schießen.
- BND - Maßnahmen seien teilweise unverhältnismäßig.
- Die Datenschützer sind bei „Elena“ alarmiert über Unverhältnismäßiges.
- Das Strafmaß bei Kindesmissbrauch ist unverhältnismäßig.
- Krieg gegen Rauchen ist unverhältnismäßig.
- Unüberbietbar: „Die Obdachlosigkeit ist unverhältnismäßig hoch.“ Es gibt also Leute, die sich eine verhältnismäßige, also volkswirtschaftlich gesunde und politisch vertretbare Obdachlosigkeit vorstellen können. Aber vermutlich ist das bloß ein Rechenfehler in der Statistik gewesen.

Kurz: alles, was es an Unerfreulichem gibt, das ist schon an seinem richtigen Platz, nur mit der Dosierung, da muss noch nachgebessert werden.
Eine sturzzufriedenere Form der Kritik muss erst noch ersonnen werden.

Und die ganz Frommen fragen sich mit Leo Tolstoj: „Wie viel Erde braucht der Mensch?“
Solche besorgten Nachfragen sind jedoch ganz unbegründet und unverhältnismäßig gewalttätig. Darüber entscheidet schließlich die Stellung des Fragers innerhalb der Reproduktionsgepflogenheiten einer Nationalökonomie und deren ordnungsstiftender politischer Ausschuss.
Letzterer weiß sowieso, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Und den ideologischen Gegnern dieser Auffassung fällt auch nicht im Traume ein ein, das tatsächliche Verhältnis zu benennen. Statt dessen: "Verhältnis...ach, ist das nicht eines das man so ganz privat und fast hintenrum hat? Wenn man dabei in andere Umstände kommt, sollten die schleunigst in geordnete Verhältnisse überführt werden."
Wer sich um das Kapitalverhältnis nicht schert, der gerät in jene unübersichtlichen Verhältnisse, von deren Sortierung die Soziologie ebenso kundig und methodisch zehrt wie der Normalverbraucher.

Ich bin kein frommer Mann, weiß aber einen richtigen Gedanken zu schätzen:
Im Himmel ist mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte“, die Buße zu tun nicht nötig haben.
Nach meiner Laienexegese ist das ein vollkommen korrekter Gedanke in der Sphäre der Religion. Die Buße restituiert das Verhältnis zwischen dem im Tun anerkannten Herrn und dem Gottesknecht. Die Gerechten aber scheren sich einen Dreck um das Abhängigkeitsverhältnis. Sie sind ganztägig voll damit beschäftigt, an den Verhältnissen herumzudeuteln, sie alle miteinander zu berücksichtigen und aneinander zu relativieren. Sind also die eingebildeten Meister jener Verhältnisse, von denen sie sich zu dem machen lassen, was sie sind: Pharisäer und Schriftgelehrte.

P.S.
Man empfiehlt mir von wohlwollender Seite, doch ja immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen.
Aber wie ich dabei vorankommen soll, hat mir noch keiner verraten können.

Mittwoch, 18. August 2010

Lieber Freund,

auch in Deiner letzten mail kommst Du mir wieder mit Deinem Dafürhalten:”Da muss man sich halt entscheiden.”

Lassen wir das vorläufig einmal dahingestellt sein.
In der Zwischenzeit hier ein kleines Novellen-Exposé als Vorlage für Deine Entscheidungsfindung.

Nennen wir ihn Edmund, den älteren Herrn, über den Du zu Gericht sitzen wirst.
Seit geraumer Weile verlässt unser Edmund jeden Montag seine Eigentumswohnung, um – 200 km entfernt - die mittlerweile faltenreiche Geliebte seiner sexuellen Prägungsjahre zu besuchen. Er rottet in ihren verwilderten Gärten die Brombeeren aus, vernichtet Brennesseln und anderes Unkraut, stutzt die Wassertriebe der Obstbäume und drückt in einem der Gartenhäuschen nach abendlichen geruhsamen Gesprächen ihre Leibesfülle in eindeutigen Sympathiekundgebungen an sich.
Vor fast vier Jahrzehnten hatten die beiden eine Tochter, der leider nicht jener Menschberg folgte, den Edmund im sonntagmorgendlichen Bette in einer privat gehätschelten Utopie übereinanderkrabbeln sah.
Damals wollte sie das Kind, nicht den Kerl.
Während des Austauschs ihrer Zärtlichkeiten klingelt ab und zu das Handy: ihr seit Jahren bettlägeriger, siecher Gatte versichert sich ihrer Nähe.

In der zweiten Hälfte der Woche sucht Edmund seine ältlicheGattin in ihrer Eigentumswohnung auf, eine Frau, der er in konventioneller Zugetanheit auch noch nach der Aufzucht der Brut verbunden ist. Ihr hat er sich ein ganzes Eheleben lang nicht wirklich geöffnet, aber die bürgerlichen Rechtsgarantien von Tisch und Bett zu widerrufen, hatte er nie Anlass gesehen. Und er ist über diese seine „Gänseliesel“ nicht so ganz unglücklich, wie übrigens auch sie, der er keineswegs die Woche über fehlt, so sehr er ihr ein Allerliebster ist.

Edmund nun ist sich sicher, dass das zwei ganz verschiedene Kisten sind: das aufsteigende warme Gefühl beim Anblick der wiedergefundenen Jugendgeliebten und das schon welke, aber immer noch begehrenswerte Fleisch seines Gesponses, Sphären, die in ihrer Absolutheit nichts miteinander zu tun haben.

Warum sollte er also durch unangebrachten Mitteilungsdrang eine der beiden Sphären ausschließen müssen?
Steht die bittersüße Quelle seiner lebenswierigen Traumata etwa über der temporären, rituellen Aufhebung seiner Einsamkeit im ehelichen Liebesakt?
Oder umgekehrt: wieso eigentlich sollte er die Gewährsperson für den schmerzhaften Einsturz seinerzeitiger privater Weltbildnerei aufgeben? Und - statt ihr für die einstige Heilung davon zu danken - zugunsten einer katechismuskonformen Lebensweise optieren?

Könnte es nicht auch sein, dass der Katechismus von Wüstenbewohnern entworfen wurde, die den Regenbogen nur vom Hörensagen kennen?
Und der Stolz dieser Meister auf ihr strenges Unterscheidungsvermögen zwischen Weiß und Schwarz! Ist er nicht ein ganz klein wenig lächerlich, angesichts der von niemandem geleugneten Tatsache, dass die Nacht etwas anderes ist als der Tag?

Edmund jedenfalls ging hin und verfasste erotisierende Tagelieder auf das mürbe Fleisch seiner Gattin und pries - unabhängig davon - in „Liedern, in der Dämmerung zu singen“ die Abende mit seiner einstigen Gespielin. Beide Gattungen genossen ein gewisses Ansehen im Freundeskreise für ihre Nuanciertheit beim Skizzieren der grauen und rosigen Übergänge.

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