Samstag, 9. Oktober 2010

Methodologie der Unverhältnismäßigkeit

Lieber Freund,

wie Du bemerkt hast, geht mir das derzeitige Engagement
von Leuten, die meinen, es werde das propagierte Staatsideal ohne Wissen der es tragenden Führung mit Füßen getreten, ziemlich auf den Geist.
Weswegen ich diese Form der Kritik einmal mit ein paar Schlaglichtern beleuchten möchte.

"Unverhältnismäßig!"
Politiker und Liebhaber der Moral - so unterschiedlich die beiden auch sein mögen - lieben dieses Wort, schnalzen dabei geradezu genüsslich mit der Zunge: Unverhältnismäßigkeit!

Daher werden sie hier auch als gebeutelt von ein und demselben Geist betrachtet. Beide benutzen, ganz unabhängig von der Justiz oder der Betriebswirtschaftslehre, ihr gut entwickeltes Gutdünken und Schlechtfinden, um in der Gedankenfigur des Vergleichsweisen herauszufinden, dass dies oder jenes an harten Einschnitten ziemlich, leidlich und relativ gut, oder die neuesten Wohltaten an Anderen doch eher ziemlich mau bis unerträglich seien, eben in keinem Verhältnis zu nichts Vertretbarem stünden.

Dabei interessiert diese Gedankenfigur nicht etwa das tatsächliche Verhältnis, sondern dessen Auflösung in irgendwelche Verhältnisse, von denen das rechte Maß zu wissen sie vorgeben, ohne den Beweis dessen jemals antreten zu müssen. Von daher das exzessive Vergnügen daran.

- Also: das Kapitalverhältnis, das sich ziemlich unerfreulich für die davon Abhängigen auswirkt, interessiert erst mal so was von überhaupt nicht. Und seine sämtlichen Wirkungen sind selbstverständlich nicht im notwendigen Zusammenhang mit ihm zu erklären. Man müsse die Dinge nur ins rechte Verhältnis zueinander setzen, dann würde es schon. Und dann liest man eben beispielsweise einen Brüderle sich für höhere Löhne einsetzen, und die Gewerkschaften samt Arbeitgeberei empfehlen ihm, sich da besser raus zu halten. Der Sandkasten der Tarifautonomisten wäre schon voll.
- Und an dieser Vorgabe entlang wird dann in den Haushalten und am Arbeitsplatz heiß darum gestritten, was wem in welcher Höhe zusteht. Woran man sieht, daß es im Sandkasten doch noch viel Platz hatte.
- Aber wie viel Geld ein Mensch zum Leben braucht, bestimmt nun mal Hartz-IV. Basta.
-
- Die Verwalter der politischen Ressorts lassen sich überhaupt gern vernehmen mit ihrem öden „mehr von allem“, was eh schon da ist, als angemessen. Das können sie sich gefahrlos leisten, weil die gewusste Maßlosigkeit des Kapitals sowieso keine Grenze nach oben kennt.
- Ein eher verdächtiger Teil der Medien erhebt dagegen Bedenken. Weniger wäre mehr gewesen. Immer im Vergleich des Steuerzahlers zu anderem Wünschenswertem: Weniger Soldaten, mehr Kindergärten. Weniger Gewalt, mehr Verständnis, für das Gute an der Gewalt. Denn allzu viel ist ungesund. Und ne quid nimis orakelt der Humanist.
-
- Bei dem „weniger Soldaten, mehr Generäle“ fällt einem der Krieg der Israelis ein. Der geht irgendwie schon in Ordnung. Bloß sollte man nicht so unverhältnismäßig mit Spatzen nach den palästinensischen Kanonen schießen.
- BND - Maßnahmen seien teilweise unverhältnismäßig.
- Die Datenschützer sind bei „Elena“ alarmiert über Unverhältnismäßiges.
- Das Strafmaß bei Kindesmissbrauch ist unverhältnismäßig.
- Krieg gegen Rauchen ist unverhältnismäßig.
- Unüberbietbar: „Die Obdachlosigkeit ist unverhältnismäßig hoch.“ Es gibt also Leute, die sich eine verhältnismäßige, also volkswirtschaftlich gesunde und politisch vertretbare Obdachlosigkeit vorstellen können. Aber vermutlich ist das bloß ein Rechenfehler in der Statistik gewesen.

Kurz: alles, was es an Unerfreulichem gibt, das ist schon an seinem richtigen Platz, nur mit der Dosierung, da muss noch nachgebessert werden.
Eine sturzzufriedenere Form der Kritik muss erst noch ersonnen werden.

Und die ganz Frommen fragen sich mit Leo Tolstoj: „Wie viel Erde braucht der Mensch?“
Solche besorgten Nachfragen sind jedoch ganz unbegründet und unverhältnismäßig gewalttätig. Darüber entscheidet schließlich die Stellung des Fragers innerhalb der Reproduktionsgepflogenheiten einer Nationalökonomie und deren ordnungsstiftender politischer Ausschuss.
Letzterer weiß sowieso, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Und den ideologischen Gegnern dieser Auffassung fällt auch nicht im Traume ein ein, das tatsächliche Verhältnis zu benennen. Statt dessen: "Verhältnis...ach, ist das nicht eines das man so ganz privat und fast hintenrum hat? Wenn man dabei in andere Umstände kommt, sollten die schleunigst in geordnete Verhältnisse überführt werden."
Wer sich um das Kapitalverhältnis nicht schert, der gerät in jene unübersichtlichen Verhältnisse, von deren Sortierung die Soziologie ebenso kundig und methodisch zehrt wie der Normalverbraucher.

Ich bin kein frommer Mann, weiß aber einen richtigen Gedanken zu schätzen:
Im Himmel ist mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte“, die Buße zu tun nicht nötig haben.
Nach meiner Laienexegese ist das ein vollkommen korrekter Gedanke in der Sphäre der Religion. Die Buße restituiert das Verhältnis zwischen dem im Tun anerkannten Herrn und dem Gottesknecht. Die Gerechten aber scheren sich einen Dreck um das Abhängigkeitsverhältnis. Sie sind ganztägig voll damit beschäftigt, an den Verhältnissen herumzudeuteln, sie alle miteinander zu berücksichtigen und aneinander zu relativieren. Sind also die eingebildeten Meister jener Verhältnisse, von denen sie sich zu dem machen lassen, was sie sind: Pharisäer und Schriftgelehrte.

P.S.
Man empfiehlt mir von wohlwollender Seite, doch ja immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen.
Aber wie ich dabei vorankommen soll, hat mir noch keiner verraten können.
antiferengi - 9. Okt, 11:07

Hmm

Falls ich davon ausgehen kann, das mich dies mitbetrifft, dann muss ich wohl jetzt den Spruch loslassen; "Es trifft immer die falschen". Zuerst einmal, zu allem meine Zustimmung und auch gedankliche Nähe. Nun bin auch ich jemand, der gerne den Spruch mit der Bodenhaftung benutzt. Dies möchte ich erklären. Als gequälter im Umgang mit Leuten, welche sich selber des Intellekts beschimpfen, hat man in einem Umfeld der vielfältigen Visionen, die gerne als funktionsfähig beschrieben werden, gelernt sinnvolle Prioritäten aufzubauen.

Dies ist in etwa vergleichbar mit jemandem der erst das Chassis eines Auto baut, und dann den Motor passend dazu gestaltet, oder jemandem, der erst den Motor entwickelt, und dann erst das Chassis. Sinnvollerweise haben Motor und evtl. Nutzer des Autos eine gewisse sinnvolle Gleichberechtigung, weshalb man hier von Verhältnismäßigkeit spricht, indem man die Sache generell stimmig aufeinander konzipiert, aber mit dem Schwerpunkt zugunsten der Insassen des Gefährtes. Soviel zu meinen Ansichten von Verhältnismäßigkeit und deren Prioritäten.

Aber zurück (auf den ) zum Teppich. Schon die alten Griechen hatten gewusst, das man erst konstruiert, wenn die begehbaren Fehler beseitigt sind. Nun schwirren überall gottgleich Systemtheoretiker und sonstige Gedankenjongleure herum, die sich nicht darum kümmern, die momentanen Fehler zu beseitigen, und leider auch genügend, die sie gar nicht stören, - sondern sind tunlichst damit beschäftigt das perfekte System, die perfekte Zukunft, und was auch immer im Sinne des Visionärs liegt, - stattdessen zu konstruieren. Merkwürdigerweise wird dabei immer von Logik gesprochen. Was aber nicht stimmen kann, - denn Logik beinhaltet auch klare Priorisierungen der Vorgehensweisen. Und die heißen nun mal, - erst die Fehler entdecken, beseitigen, - und dann erst, kann man was neues basteln. Denn logischerweise findet sich nach Entfernung der Fehler ein komplett neuer Zustand vor, auf dessem Grund und Boden eine Analyse und Konstruktion ein vollkommen anderes Bild ergibt, als eine Konstruktion zu Zeiten von Missverhältnissen. Unter Umständen, ist damit sogar jede neuerliche Ingenieursarbeit unnötig. Und sobald ich so etwas entdecke, (was nicht dich betrifft), spreche ich immer vom Teppich, - auf den man zurückkommen soll. Der Teppich ist dass, was du hier beschreibst. Z.B. dass der Begriff Verhältnismäßigkeit heute mittels Relativierungen keinen eindeutigen Bezugspunkt mehr besitzt. Was ich mit dem Teppich letztendlich meine, - ist, dass es wenig Sinn macht für Menschen Dinge zu konstruieren, wenn man den Faden zu den Menschen verloren hat. Auch dies ist eine Verhältnismäsigkeit, wobei der Bezugspunkt, - die Menschen bleiben sollte.

Ich könnte dies auch alles in zwei Sätze zusammenfassen, und hoffe jetzt ganz schwer, dass du dich auf keinen Fall angesprochen fühlst.

Mir gehen politische, genauso wie soziologische Systemakrobaten einfach auf die Lampe.
Weil sie exakt das verkörpern, was die ganze Kacke in seiner Disziplinlosigkeit überhaupt erst fabriziert hat.

gitano - 9. Okt, 18:07

Immer "To whom it may concern"

Lieber antiferengi,

gemeint waren die Leute, die diesen geistigen Unfug in die Welt setzen, aber mir vorwerfen, wenn ich das Gelände von solchem Ruinenmüll reinige, um zu planieren, mich verstehe ja doch keiner.
antiferengi - 9. Okt, 20:56

Ich sehe, wir haben alle das gleiche Problem.
Ok, ich geh dann mal an den Beaujolais ;-)

antiferengi - 10. Okt, 11:47

Das ist schon in Ordnung @Daniel. Aber bedenke die Praxis. Solltest du eine dieser berühmten Ausnahmen sein, dann entschuldige ich mich. Gar kein Problem. Aber du wärst dann tatsächlich eine Ausnahme. Den was normalerweise mit Systemtheorie rumfuchtelt, auch als Marxisten, ist alles andere als erfreulich.
Generell geht es aber auch um den Widerspruch an und für sich. Mit deiner durchaus wertvollen Einstellung, kannst du gar kein Systemtheoretiker mehr sein. Marx war im Sinne, übrigens auch keiner. Das Problem sind nie die Denker, sondern deren Jünger. Der Widerspruch als solcher, ist der, dass Soziologen (Und als solchen kann man Marx schon beschreiben), überhaupt mit Systemtheorie angefangen haben, ohne sie zu akzeptieren, wie sie nun mal ist. (Die war nämlich schon vor den Sozilogen da). D.h. sie haben begonnen eine eigene zu basteln, die nicht funktionieren kann, und auch nicht tut. Der Sinn eines Systems, ist immer die Beschreibung und Analyse seiner Subebenen und Elemente. Als sie Soziologen begonnen hatten damit rumzuspielen, sahen sie schnell, dass die pragmatische Trennung in Richtung offener Systeme in Bezug auf menschliche Lebenswelten (Habermas) nicht schließbar war. Flugs machten sie sie schließbar (Luhmann). Diese Diskussion ist jetzt über 2000 Jahre alt und immer, wenn Menschen Menschen sortieren möchten, werden sie zum System erklärt, bzw. zu sachlichen Objekten. Deshalb meine Abneigung dagegen. Mein Wunsch an dich ist lediglich. Hör einfach auf über Systeme zu reden. So wie du denkst, und wie du es behandelst, dass passt nicht zusammen. In meinem eigenen Umfeld hab ich Marxisten, die mit Systemtheorie rumfuchteln, und dabei immer von Menschlichkeiten reden. Denen würde ich kein Jota Macht geben. Ob ich nun linke, oder rechte Objekte in einem System zu Nichtmenschen erkläre, spielt doch keine Rolle mehr. Systemtheorie lässt sich auch nicht durch Soziologen oder Politologen verwässern. Es gibt Systeme, und Lebenswelten. Um letzteres, sollte es uns gehen. Natürlich sagen viele, dass sind rhetorische Spitzfindigkeiten. Sind sie eben nicht. Bedenke, was in den letzten zwanzig Jahren, insbesondere in Richtung Sozialpädagogig, Politiologie, und Sozialwissenschaften unter diesem Dogma passiert ist. Für mich war es sogar der Grund, den Sozen damals den Rücken zu kehren.

Ansonsten, jede Sympathie Daniel, und immer gern gesehener Kommentator.

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