Sonntag, 10. Oktober 2010

In was für einer Gesellschaft ich denn leben möchte?

fragen mich saudumme Plakate von Gesellschaftern, die eine „Aktion Mensch“ am Laufen haben.
Als ob es da was aus einem Quelle-Gesellschaftskatalog rauszusuchen gäbe.
Wenn ich keine andere kriegen kann, wofür diese konstruktiven Initiativler schon sorgen werden, dann doch am liebsten in meiner.

Früher war die Werbung bloß ein „lächelndes Aas“, in diesem Ramschladen der "Werte für lau" ist sie ein zynisch grinsendes Luder.

Aussichtslos von hoher Aussicht
Ich erinnere mich eines eindrucksvollen Satzes meines Deutschlehrers, auf dessen Expectorationen ich immer besonders acht hatte, um ihn auf Ungereimtheiten zu ertappen:

Wer nicht Kartenspielen kann, ist kaum lebensfähig.“

Auf diese Empfehlung hin hatte ich seinerzeit gegen den intelligenten Stumpfsinn als Lebenspraxis in der selbstgewissen Überlegenheit des Geistes über die bewusstseinsmächtige Praxis vermeldet:
Genau. Wer sich nicht freiwillig auf das angesagte Territorium des Trumpfens und Stechens begeben will, soll besser gleich in die bereitstehenden Klöster des Geistes gehen.“

Ein paar Gedankengänge weiter ereilte mich aber eine objektive Gewissheit, nämlich der Geist des obstinaten Beharrens auf dem leidvoll, aber verhältnismäßig erfolgreich Eingeschliffenen, eben der Geist aller Zeiten.

Und davon soll ich mir das Maul stopfen lassen?

Hier werden unbedingt

ein paar Verrückte gebraucht.
Schaut euch doch bloß mal an, wo die Normalen uns hingebracht haben.
(Anonymus)

Methodologie der Unverhältnismäßigkeit

Lieber Freund,

wie Du bemerkt hast, geht mir das derzeitige Engagement
von Leuten, die meinen, es werde das propagierte Staatsideal ohne Wissen der es tragenden Führung mit Füßen getreten, ziemlich auf den Geist.
Weswegen ich diese Form der Kritik einmal mit ein paar Schlaglichtern beleuchten möchte.

"Unverhältnismäßig!"
Politiker und Liebhaber der Moral - so unterschiedlich die beiden auch sein mögen - lieben dieses Wort, schnalzen dabei geradezu genüsslich mit der Zunge: Unverhältnismäßigkeit!

Daher werden sie hier auch als gebeutelt von ein und demselben Geist betrachtet. Beide benutzen, ganz unabhängig von der Justiz oder der Betriebswirtschaftslehre, ihr gut entwickeltes Gutdünken und Schlechtfinden, um in der Gedankenfigur des Vergleichsweisen herauszufinden, dass dies oder jenes an harten Einschnitten ziemlich, leidlich und relativ gut, oder die neuesten Wohltaten an Anderen doch eher ziemlich mau bis unerträglich seien, eben in keinem Verhältnis zu nichts Vertretbarem stünden.

Dabei interessiert diese Gedankenfigur nicht etwa das tatsächliche Verhältnis, sondern dessen Auflösung in irgendwelche Verhältnisse, von denen das rechte Maß zu wissen sie vorgeben, ohne den Beweis dessen jemals antreten zu müssen. Von daher das exzessive Vergnügen daran.

- Also: das Kapitalverhältnis, das sich ziemlich unerfreulich für die davon Abhängigen auswirkt, interessiert erst mal so was von überhaupt nicht. Und seine sämtlichen Wirkungen sind selbstverständlich nicht im notwendigen Zusammenhang mit ihm zu erklären. Man müsse die Dinge nur ins rechte Verhältnis zueinander setzen, dann würde es schon. Und dann liest man eben beispielsweise einen Brüderle sich für höhere Löhne einsetzen, und die Gewerkschaften samt Arbeitgeberei empfehlen ihm, sich da besser raus zu halten. Der Sandkasten der Tarifautonomisten wäre schon voll.
- Und an dieser Vorgabe entlang wird dann in den Haushalten und am Arbeitsplatz heiß darum gestritten, was wem in welcher Höhe zusteht. Woran man sieht, daß es im Sandkasten doch noch viel Platz hatte.
- Aber wie viel Geld ein Mensch zum Leben braucht, bestimmt nun mal Hartz-IV. Basta.
-
- Die Verwalter der politischen Ressorts lassen sich überhaupt gern vernehmen mit ihrem öden „mehr von allem“, was eh schon da ist, als angemessen. Das können sie sich gefahrlos leisten, weil die gewusste Maßlosigkeit des Kapitals sowieso keine Grenze nach oben kennt.
- Ein eher verdächtiger Teil der Medien erhebt dagegen Bedenken. Weniger wäre mehr gewesen. Immer im Vergleich des Steuerzahlers zu anderem Wünschenswertem: Weniger Soldaten, mehr Kindergärten. Weniger Gewalt, mehr Verständnis, für das Gute an der Gewalt. Denn allzu viel ist ungesund. Und ne quid nimis orakelt der Humanist.
-
- Bei dem „weniger Soldaten, mehr Generäle“ fällt einem der Krieg der Israelis ein. Der geht irgendwie schon in Ordnung. Bloß sollte man nicht so unverhältnismäßig mit Spatzen nach den palästinensischen Kanonen schießen.
- BND - Maßnahmen seien teilweise unverhältnismäßig.
- Die Datenschützer sind bei „Elena“ alarmiert über Unverhältnismäßiges.
- Das Strafmaß bei Kindesmissbrauch ist unverhältnismäßig.
- Krieg gegen Rauchen ist unverhältnismäßig.
- Unüberbietbar: „Die Obdachlosigkeit ist unverhältnismäßig hoch.“ Es gibt also Leute, die sich eine verhältnismäßige, also volkswirtschaftlich gesunde und politisch vertretbare Obdachlosigkeit vorstellen können. Aber vermutlich ist das bloß ein Rechenfehler in der Statistik gewesen.

Kurz: alles, was es an Unerfreulichem gibt, das ist schon an seinem richtigen Platz, nur mit der Dosierung, da muss noch nachgebessert werden.
Eine sturzzufriedenere Form der Kritik muss erst noch ersonnen werden.

Und die ganz Frommen fragen sich mit Leo Tolstoj: „Wie viel Erde braucht der Mensch?“
Solche besorgten Nachfragen sind jedoch ganz unbegründet und unverhältnismäßig gewalttätig. Darüber entscheidet schließlich die Stellung des Fragers innerhalb der Reproduktionsgepflogenheiten einer Nationalökonomie und deren ordnungsstiftender politischer Ausschuss.
Letzterer weiß sowieso, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Und den ideologischen Gegnern dieser Auffassung fällt auch nicht im Traume ein ein, das tatsächliche Verhältnis zu benennen. Statt dessen: "Verhältnis...ach, ist das nicht eines das man so ganz privat und fast hintenrum hat? Wenn man dabei in andere Umstände kommt, sollten die schleunigst in geordnete Verhältnisse überführt werden."
Wer sich um das Kapitalverhältnis nicht schert, der gerät in jene unübersichtlichen Verhältnisse, von deren Sortierung die Soziologie ebenso kundig und methodisch zehrt wie der Normalverbraucher.

Ich bin kein frommer Mann, weiß aber einen richtigen Gedanken zu schätzen:
Im Himmel ist mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte“, die Buße zu tun nicht nötig haben.
Nach meiner Laienexegese ist das ein vollkommen korrekter Gedanke in der Sphäre der Religion. Die Buße restituiert das Verhältnis zwischen dem im Tun anerkannten Herrn und dem Gottesknecht. Die Gerechten aber scheren sich einen Dreck um das Abhängigkeitsverhältnis. Sie sind ganztägig voll damit beschäftigt, an den Verhältnissen herumzudeuteln, sie alle miteinander zu berücksichtigen und aneinander zu relativieren. Sind also die eingebildeten Meister jener Verhältnisse, von denen sie sich zu dem machen lassen, was sie sind: Pharisäer und Schriftgelehrte.

P.S.
Man empfiehlt mir von wohlwollender Seite, doch ja immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen.
Aber wie ich dabei vorankommen soll, hat mir noch keiner verraten können.

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