Donnerstag, 19. August 2010

Das Ende von Etwas...

Auf den Kykladen.
Sitzend im Torbogen einer Klosterruine, auf den felsigen Skeletten von einst Belebtem.
Die Sonne geht unter, und der Andrang der Aussentemperatur ist dem Andrang des Körperklimas angeglichen.
Jetzt ist die Welt im Gleichgewicht einer ausdehnungslosen Zeit. Heute ist das Gestern des Immerdar.
Wie das Meer, das in seiner Bewegtheit ruht.

Atmen, Licht sein, weg im Hier.

Und dann sagt der, den du bislang deinen Freund genannt hast: „Aber am Grand Canyon hab ich mal einen Sonnenuntergang erlebt...“

....ist kein Anfang von etwas Neuem.

Groteske und Collage
Es ist immer noch besser, sinnlose Protestlieder gegen den Haarausfall zu singen, als Rousseaus merkwürdigen Souveränitätsbegriff zu unterschreiben.

Oder bin ich tatsächlich nach der Unterschrift unter den mir nie vorgelegten Gesellschaftsvertrag tatsächlich der Idiot, der ich als Souverän nie war?

Was schwer ist zu begreifen: dass seit Rousseau überhaupt nur noch Kitt in der politischen Theorie gedacht wird. Wo doch allein durch die Risse in den Dingen gelegentlich Licht einfällt.

Jeder Satz, der die Wunde offen hält, steht theoretisch und ästhetisch wenigstens im Geruch der Wahrhaftigkeit, während die herbeieilenden Problemlöser bloß fortfahren mit dem Psalmodieren ihrer trostlosen Messen.

Lieber Freund,

auch in Deiner letzten mail kommst Du mir wieder mit Deinem Dafürhalten:”Da muss man sich halt entscheiden.”

Lassen wir das vorläufig einmal dahingestellt sein.
In der Zwischenzeit hier ein kleines Novellen-Exposé als Vorlage für Deine Entscheidungsfindung.

Nennen wir ihn Edmund, den älteren Herrn, über den Du zu Gericht sitzen wirst.
Seit geraumer Weile verlässt unser Edmund jeden Montag seine Eigentumswohnung, um – 200 km entfernt - die mittlerweile faltenreiche Geliebte seiner sexuellen Prägungsjahre zu besuchen. Er rottet in ihren verwilderten Gärten die Brombeeren aus, vernichtet Brennesseln und anderes Unkraut, stutzt die Wassertriebe der Obstbäume und drückt in einem der Gartenhäuschen nach abendlichen geruhsamen Gesprächen ihre Leibesfülle in eindeutigen Sympathiekundgebungen an sich.
Vor fast vier Jahrzehnten hatten die beiden eine Tochter, der leider nicht jener Menschberg folgte, den Edmund im sonntagmorgendlichen Bette in einer privat gehätschelten Utopie übereinanderkrabbeln sah.
Damals wollte sie das Kind, nicht den Kerl.
Während des Austauschs ihrer Zärtlichkeiten klingelt ab und zu das Handy: ihr seit Jahren bettlägeriger, siecher Gatte versichert sich ihrer Nähe.

In der zweiten Hälfte der Woche sucht Edmund seine ältlicheGattin in ihrer Eigentumswohnung auf, eine Frau, der er in konventioneller Zugetanheit auch noch nach der Aufzucht der Brut verbunden ist. Ihr hat er sich ein ganzes Eheleben lang nicht wirklich geöffnet, aber die bürgerlichen Rechtsgarantien von Tisch und Bett zu widerrufen, hatte er nie Anlass gesehen. Und er ist über diese seine „Gänseliesel“ nicht so ganz unglücklich, wie übrigens auch sie, der er keineswegs die Woche über fehlt, so sehr er ihr ein Allerliebster ist.

Edmund nun ist sich sicher, dass das zwei ganz verschiedene Kisten sind: das aufsteigende warme Gefühl beim Anblick der wiedergefundenen Jugendgeliebten und das schon welke, aber immer noch begehrenswerte Fleisch seines Gesponses, Sphären, die in ihrer Absolutheit nichts miteinander zu tun haben.

Warum sollte er also durch unangebrachten Mitteilungsdrang eine der beiden Sphären ausschließen müssen?
Steht die bittersüße Quelle seiner lebenswierigen Traumata etwa über der temporären, rituellen Aufhebung seiner Einsamkeit im ehelichen Liebesakt?
Oder umgekehrt: wieso eigentlich sollte er die Gewährsperson für den schmerzhaften Einsturz seinerzeitiger privater Weltbildnerei aufgeben? Und - statt ihr für die einstige Heilung davon zu danken - zugunsten einer katechismuskonformen Lebensweise optieren?

Könnte es nicht auch sein, dass der Katechismus von Wüstenbewohnern entworfen wurde, die den Regenbogen nur vom Hörensagen kennen?
Und der Stolz dieser Meister auf ihr strenges Unterscheidungsvermögen zwischen Weiß und Schwarz! Ist er nicht ein ganz klein wenig lächerlich, angesichts der von niemandem geleugneten Tatsache, dass die Nacht etwas anderes ist als der Tag?

Edmund jedenfalls ging hin und verfasste erotisierende Tagelieder auf das mürbe Fleisch seiner Gattin und pries - unabhängig davon - in „Liedern, in der Dämmerung zu singen“ die Abende mit seiner einstigen Gespielin. Beide Gattungen genossen ein gewisses Ansehen im Freundeskreise für ihre Nuanciertheit beim Skizzieren der grauen und rosigen Übergänge.

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